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13.07.2011 - 14:15 Uhr | News | Quelle: Soccerdonna
Anja Mittag: «Ich bin Silvia Neid nicht böse»

Soccerdonna.de: Hallo Frau Mittag, sind Sie ein bisschen erleichtert, dass Deutschland bei der WM so früh ausgeschieden ist? Es muss doch bei jedem Spiel schmerzen, nicht dabei zu sein.
Anja Mittag: Ja, das stimmt. Besonders schlimm habe ich es beim ersten Spiel gegen Kanada in Berlin erlebt. Ich hatte nicht gedacht, dass mich das am Bildschirm so mitnimmt. Über das frühe Ausscheiden bin ich trotzdem traurig. Das war nicht zu erwarten. Die Mannschaft hatte auf jeden Fall das Potenzial, um Weltmeister zu werden.
Soccerdonna.de: Wie erklären Sie sich das schlechte Abschneiden?
Anja Mittag: Es ist nicht meine Aufgabe, das aufzuarbeiten. Das müssen andere machen.
Soccerdonna.de: Aber ein paar Gründe liegen auf der Hand. War der öffentliche Druck zu groß?
Anja Mittag: Der Druck war groß. Ich habe ja die Vorbereitung mitgemacht, da war die hohe Erwartungshaltung schon zu spüren. Es wurde nur vom Weltmeistertitel gesprochen.
Soccerdonna.de: Lag es am Druck, dass es viele Fehler im Spiel gab, die man so von den deutschen Frauen bisher nicht kannte? Schlechte Ballannahmen, viele Fehlpässe...
Anja Mittag: Das kann sein. Wobei ich die technischen Fehler auch bei den anderen Mannschaften gesehen habe.
Soccerdonna.de: Was sagen Sie zur Diskussion um Birgit Prinz?
Anja Mittag: Dazu möchte ich mich nicht äußern. Birgit hat viel für den Frauenfußball getan. In der Vorbereitung war sie fit und sehr gut drauf.
Soccerdonna.de: Sie wurden nach der Vorbereitung zusammen mit Conny Pohlers, Sonja Fuss, Josephine Henning und Lisa Weiß aus dem WM-Kader gestrichen, Ziehen Sie daraus Konsequenzen?
Anja Mittag: Spielen Sie auf einen Rücktritt an?
Soccerdonna.de: Zum Beispiel.
Anja Mittag: Nein, das ist für mich im Moment kein Thema. Ich bin 26, da kann ich mit der Nationalmannschaft noch viel erreichen. Ob ich nominiert werde, liegt aber natürlich nicht nur an mir. Ich weiß nicht, was die Trainerin vorhat.
Soccerdonna.de: Sind Sie noch böse auf Silvia Neid, weil sie Sie nicht berücksichtigt hat?
Anja Mittag: Nein, böse bin ich nicht. Sie musste ja Spielerinnen streichen, und dass diejenigen, die es trifft, enttäuscht sind, ist sicher verständlich.
Soccerdonna.de: Wie haben Sie die Nachricht über Ihre Ausbootung aufgenommen?
Anja Mittag: Zu der Zeit waren wir gerade mit Turbine in London beim Champions-League-Finale. Das hat mich abgelenkt. Zurück in Deutschland, habe ich erst mal ganz viel Zeit mit meiner Familie und mit Freunden verbracht. So habe ich die Enttäuschung etwas verdrängen können.
Soccerdonna.de: Haben Sie bisher alle WM-Spiele gesehen?
Anja Mittag: Ja, wenn ich Zeit habe, gucke ich die Spiele, meistens mit Freunden. Ich lese auch alles, ich bin natürlich sehr an der WM interessiert.
Soccerdonna.de: Welche Spielerinnen haben Sie am meisten beeindruckt?
Anja Mittag: Da kann ich einige nennen, zum Beispiel Lotta Schelin, Caroline Seger und Lisa Dahlkvist von Schweden, die US-Amerikanerinnen Hope Solo und Abby Wambach, die im Viertelfinale in letzter Sekunde ein wichtiges Tor erzielt hat, und Homare Sawa, die großartige japanische Spielerin. Stark enttäuscht haben mich die Norwegerinnen.
Soccerdonna.de: Was sagen Sie über ihre künftige Sturmpartnerin bei Turbine Potsdam, Genoveva Añonma?
Anja Mittag: Beeindruckend, eine sehr aggressive Spielerin, die sich viele Chancen erarbeitet hat. Ich freue mich schon auf sie.
Soccerdonna.de: Wie gefällt Ihnen der Auftritt der Japanerinnen?
Anja Mittag: Sehr gut. Ich hatte damit gerechnet, dass das ganz schwer für die Deutschen werden würde. Die Japanerinnen sind spielstark, passsicher, diszipliniert und lauffreudig. Wenn ich gegen Japan spielte, dachte ich immer, dass die eine Spielerin mehr auf dem Platz hätten.
Soccerdonna.de: Wer wird Ihrer Meinung nach ins Finale einziehen?
Anja Mittag: USA und Schweden.
Soccerdonna.de: Und wer wird Weltmeister?
Anja Mittag: (Pause) Schweden. Die Schwedinnen finde ich gut, die gefallen mir.
Soccerdonna.de: Dann bin ich mal gespannt. Erwarten Sie positive Auswirkungen der WM auf die Bundesliga?
Anja Mittag: Das ist schwer einzuschätzen. Bei bis zu 16 Millionen Fernsehzuschauern kann es durchaus sein, dass wir einige Fans hinzugewonnen haben. In einem Jahr wissen wir mehr.
Soccerdonna.de: Eine WM im eigenen Land ist ein Höhepunkt, der Ihnen verwehrt wurde. Befürchten Sie nun keine Motivationsprobleme?
Anja Mittag: Bei uns Spielerinnen war alles auf die WM ausgerichtet, darauf haben wir mehr als ein Jahr hingearbeitet. Nicht nur sportlich, wir hatten viele PR-Termine, um die WM bekannt zu machen. Ich hatte nach der Benachrichtigung von Silvia Neid tatsächlich zwei, drei Wochen Motivationsprobleme, habe mich kaum zum Laufen aufraffen können. Inzwischen ist es wieder okay, ich trainiere und freue mich auf die nächste Saison.
Soccerdonna.de: Was möchten Sie mit Turbine 2011/2012 erreichen?
Anja Mittag: Wir möchten den Titel verteidigen und im DFB-Pokal sowie in der Champions League weit kommen, möglichst wieder ins Finale.
Soccerdonna.de: Wie im vergangenen Jahr. Sie spielen beim derzeit erfolgreichsten Verein, der in jeder Saison dieselben Ziele verfolgt. Auch da stellt sich doch irgendwann die Frage nach der Motivation.
Anja Mittag: Für mich nicht, denn die Gegebenheiten ändern sich jedes Jahr, es gibt neue Mitspielerinnen und so weiter. In der kommenden Saison zum Beispiel sehe ich uns nicht als Top-Favorit, sondern als Jäger: Der 1. FFC Frankfurt ich für mich Titelanwärter Nummer eins.
Soccerdonna.de: Wem trauen Sie sonst zu, ganz vorne mitzumischen?
Anja Mittag: Der VfL Wolfsburg könnte so etwas wie ein Geheimfavorit sein. Beim FCR Duisburg muss man erst mal abwarten, was aus Linda Bresonik und Uschi Holl wird. Ohne die Beiden schätze ich Duisburg in dieser Saison nicht so stark wie zuletzt ein.
Soccerdonna.de: Wodurch unterscheiden sich eigentlich die Trainer Silvia Neid und Bernd Schröder?
Anja Mittag: (Pause) Das sind ganz unterschiedliche Typen. Schröder ist knallhart, der sagt dir ganz direkt, was Sache ist, und redet nicht lange herum. Neid hat da eher den weiblichen Instinkt, sie ist taktvoll und achtet darauf, wie sie etwas sagt.
Soccerdonna.de: Sie haben neben dem Fußball und Ihrem Job am Zentrum Aus- und Weiterbildung in Ludwigsfelde ein Studium im Sportmanagement am IST Studieninstitut abgeschlossen. Planen Sie mit 26 Jahren schon die Zeit nach der Fußballkarriere?
Anja Mittag: Damit kann man nicht früh genug beginnen. Meine frühere Mitspielerin Britta Carlson hatte den Studiengang belegt und davon erzählt; ich habe mich dann darüber näher informiert und mich auch für diesen Studiengang entschieden. Vereinsführung, Sponsoring, Buchhaltung und alles, was man noch für eine Managementaufgabe im Sportbereich braucht, habe ich gelernt. Ich hatte vorher bereits eine Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau absolviert, das passt sehr gut zusammen.
Soccerdonna.de: Sie engagieren sich auch sozial, haben ein Patenkind über World Vision in Tansania, den neunjährigen Bakari. Wie kam es dazu?
Anja Mittag: Ich wollte das schon lange machen, aber erst im Herbst 2010 kam der konkrete Anstoß von meinem Berater, der einen Kontakt zu World Vision hat. Lira Bajramaj und ich hatten das Glück, dass wir schon einen Monat später nach Tansania eingeladen wurden und unsere Patenkinder kennen lernen durften. Ich habe Bakari unter anderem einen Fußball mitgebracht. Ich glaube, er hat sich sehr darüber gefreut, weil er auch gerne mit seinen Freunden Fußball spielt. Zu sehen, wie bescheiden die Menschen dort leben, wie wenig sie haben und trotzdem glücklich sind, fand ich sehr beeindruckend. Der Besuch hat mich tief bewegt.
Soccerdonna.de: Letzte Frage: Sie gelten als Lieblingsspielerin des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger. Wie kam es dazu?
Anja Mittag: 2004, kurz nach unserem Pokalfinale gegen Frankfurt, hatte ich plötzlich einen netten Brief des damaligen DFB-Schatzmeisters Theo Zwanziger im Briefkasten. Eine Woche später, zum Meisterschaftsfinale, überreichte er uns die Meisterschale. Ich bedankte mich für den Brief, über den ich mich gefreut hatte. Seitdem stehen wir in Kontakt und rufen uns gegenseitig zum Geburtstag an.
Soccerdonna.de: Hat er sich denn bei Ihnen gemeldet, als Sie aus dem WM-Kader gestrichen wurden?
Anja Mittag: Nein, aber wir haben inzwischen schon darüber gesprochen. Er hat am 6. Juni Geburtstag... (lacht)
Soccerdonna.de: Eine Sache müssen Sie mir zum Schluss noch verraten: Was hat es mit der Nummer 31 auf sich, die auch in Ihrer E-Mail-Adresse vorkommt?
Anja Mittag: (lacht) Die Nummer stammt noch aus der Zeit, als ich Schweinsteiger als Spieler toll fand.
Soccerdonna.de: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg in der kommenden Saison.
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