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26.07.2011 - 10:20 Uhr | News | Quelle: Soccerdonna | von: Christoph Mulitze
Patricia Hanebeck: «Ich will es noch einmal wissen»

Soccerdonna.de: Hallo Frau Hanebeck, stehen Sie auch noch unter dem Eindruck des WM-Finales?
Patricia Hanebeck: Ja, das war ein intensives Spiel, das die Amerikanerinnen in der ersten Halbzeit für sich hätten entscheiden müssen. Vom Spielverlauf war der Titel für die Japanerinnen glücklich, allerdings haben sie mich vor allem taktisch stark beeindruckt.
Soccerdonna.de: War der Titelgewinn für Japan denn verdient?
Patricia Hanebeck: Auf jeden Fall. Japan war eine der wenigen Mannschaften, die mit Herz und Leidenschaft agiert hat. Spielerisch war das schön anzusehen. Ich freue mich darüber, dass nicht wieder einer der üblichen Verdächtigen Weltmeister geworden ist, sondern dass sich mal eine andere Nation in den Vordergrund geschoben hat. Das kann dem Frauenfußball nur gut tun.
Soccerdonna.de: Was sagen Sie zum Abschneiden der deutschen Elf?
Patricia Hanebeck: Es gab mit Recht viele kritische Äußerungen. Auch mir ist nicht viel Positives aufgefallen. Drei der vier Spiele waren nicht gut, und in dem Spiel, das ordentlich war, ging es fast um nichts mehr: Frankreich und Deutschland hatten sich bereits fürs Viertelfinale qualifiziert. Die Frage war nur noch, wer die Gruppenphase gewinnt. Ich fühle besonders mit den älteren Spielerinnen, für die diese WM im eigenen Land der Höhepunkt sein sollte und die mit so einem schlechten Abschneiden ihre internationale Karriere beenden.
Soccerdonna.de: Wie wird sich die Weltmeisterschaft auf den Frauenfußball in Deutschland auswirken?
Patricia Hanebeck: Nachhaltig gar nicht. Nach wenigen Wochen ist der WM-Hype vergessen. Ich habe die Euphorie, dass der Liga-Alltag von einer tollen Weltmeisterschaft profitieren könnte, nie geteilt. Selbst bei einem deutschen Titelgewinn hätten nur einzelne Spielerinnen etwas für sich herausschlagen können, wie etwa neue Werbeverträge.
Soccerdonna.de: Das klingt sehr pessimistisch. Wenn nicht mal eine WM im eigenen Land den Frauenfußball spürbar nach vorne bringen kann – was denn dann?
Patricia Hanebeck: Ich weiß es nicht. Ich erwarte da nicht viel in überschaubarer Zeit.
Soccerdonna.de: Aber die Stimmung in den Stadien war doch großartig, und die Einschaltquoten haben alle Erwartungen übertroffen.
Patricia Hanebeck: Ja, aber das war ein einmaliges Ereignis. Ich war beim Eröffnungsspiel in Berlin gegen Kanada als Zuschauerin im Stadion. Die Atmosphäre hat mir eine Gänsehaut bereitet. Das ist unvergesslich, und es hat bei mir das Gefühl hinterlassen, dass die Wahl meines Hobbys nicht ganz verkehrt gewesen sein kann, weil mein Sport von den Menschen in diesem Land honoriert wird.
Soccerdonna.de: Damit sind wir bei Ihnen: Sie haben mit zahlreichen WM-Teilnehmerinnen Jugendnationalmannschaften durchlaufen – zum Beispiel Lira Bajramaj, Kim Kulig, Babett Peter, Simone Laudehr und Celia Okoyino da Mbabi. Warum waren Sie bei der WM nicht dabei?
Patricia Hanebeck: Ich werde ja seit Jahren nicht mehr berücksichtigt, obwohl ich in Duisburg und Hamburg bei erfolgreichen Vereinen war. Den Grund wüsste ich gerne mal. Aktuell liegt es sicherlich auch daran, dass ich die vergangenen beiden Jahre in der 2. Liga gespielt habe. Aber schon vorher habe ich keine Einladungen des DFB mehr erhalten.
Soccerdonna.de: Sie sind eine der nur noch wenigen klassischen Spielmacherinnen. Ist die „Zehn“ in den Spielsystemen der Zukunft nicht mehr gefragt?
Patricia Hanebeck: Das würde ich nicht sagen. Im 4-4-2 mit Raute oder im 4-2-3-1 hat der Zehner, je nach Auslegung, noch seinen Platz. Wer einen Spielmacher holt, passt in der Regel auch das System entsprechend an. Alles andere würde keinen Sinn ergeben.
Soccerdonna.de: Trotzdem gibt es kaum noch echte Zehner – weder bei den Männern noch bei den Frauen. Liegt das an der Ausbildung?
Patricia Hanebeck: Die Vermutung liegt nahe. Die Spielerinnen und Spieler werden heute weitgehend positionsfrei ausgebildet. Das hat den Vorteil, dass sie vielseitiger als früher eingesetzt werden können.
Soccerdonna.de: Der Zehner ist der König oder die Königin auf dem Platz, hat die meisten Freiheiten. Was zeichnet einen Top-Spielmacher aus?
Patricia Hanebeck: Technik, Übersicht und vor allem Mut. Mut, im richtigen Moment den tödlichen Pass zu spielen. Ich habe so jemanden im deutschen Spiel bei der WM vermisst; das war alles leicht auszurechnen für die Gegner. Etwas mehr Kreativität hätte uns gut getan.
Soccerdonna.de: Wo sehen Sie Ihre Stärken und wo Ihre Schwächen?
Patricia Hanebeck: Meine Stärke ist teilweise auch meine Schwäche: Ich kann meine Mitspielerinnen gut in Szene setzen. Das ist das, was mir Spaß macht, und leider suche ich deshalb manchmal nicht selbst den Abschluss, obwohl das in der einen oder anderen Situation besser wäre. Ich bin, wenn man es so nennen will, etwas zu mannschaftsdienlich.
Soccerdonna.de: Haben Sie ein Vorbild?
Patricia Hanebeck: Ja, ich bin ein großer Messi-Fan. Er spielt natürlich auf einem unerreichbaren Niveau. Früher gefiel mir Thomas Hässler auf meiner Position.
Soccerdonna.de: Könnten Sie auch auf einer anderen Position spielen?
Patricia Hanebeck: Die „Sechs“ ist recht ähnlich. Aber sonst?! Ich habe ja nix anderes gelernt (lacht).
Soccerdonna.de: Sie waren fünf Jahre in Duisburg Stammspielerin bei einem Meisterschaftskandidaten, sind dann nach Hamburg zum HSV gewechselt. Für Außenstehende war das schwer nachzuvollziehen.
Patricia Hanebeck: Es gab damals viel Unruhe in Duisburg. Jürgen Krust, mein bisher bester Trainer, bei dem ich sehr viel gelernt hatte, musste trotz sportlichem Erfolg gehen. Seine Nachfolger Dietmar Herhaus und Thomas Obliers blieben nur kurz, und dann kam Martina Voss, die mir sagte, dass sie nicht mit mir planen würde. Ich will darauf nicht näher eingehen, aber das hatte nicht nur sportliche Gründe. Deshalb suchte ich mir eine neue Herausforderung – auch persönlich: Mit dem Umzug nach Hamburg verließ ich zum ersten Mal mein Zuhause in Sankt Augustin.
Soccerdonna.de: Sie blieben aber nur ein Jahr...
Patricia Hanebeck:... obwohl ich mich in Hamburg sehr wohl fühlte: Trainer, Team, Umfeld – alles war bestens. Wir hatten großen sportlichen Erfolg und wurden Fünfter in der Bundesliga.
Soccerdonna.de: Warum sind Sie dann vom HSV in die 2. Liga zum 1. FC Köln gewechselt?
Patricia Hanebeck: Das war eine Herzensangelegenheit. Ich bin seit meiner Kindheit großer FC-Fan, und als eine Frauenmannschaft gegründet wurde, musste ich einfach nach Köln: Es war immer mein Traum, einmal den Geißbock auf der Brust zu tragen. (Pause.) Ich bin ein durch und durch Kölsches Mädche. FC, Dom, Karneval – so bin ich erzogen worden. Ich habe früher sogar in der Prinzengarde getanzt.
Soccerdonna.de: Aber es war ein sportlicher Abstieg.
Patricia Hanebeck: Ja. Aber mir war wichtig, dass wir ein sportliches Ziel hatten, und das lautete: Aufstieg. Der Verein tat viel dafür, wir hatten erstligaähnliche Verhältnisse: Wir hatten einen großen, kompetenten Trainerstab und trainierten oft mit den Jungs aus dem FC-Internat. Es kam aber noch etwas anderes hinzu: Ich bin ein Familienmensch. So schön es in Hamburg auch war – ich vermisste meine Familie.
Soccerdonna.de: Sie hatten sich aber doch bestimmt länger als nur ein Jahr an den HSV gebunden.
Patricia Hanebeck: Ja. Aber wir setzten uns an einen Tisch und sprachen miteinander. Ich war sehr froh, dass mir die Verantwortlichen keine Steine in den Weg legten.
Soccerdonna.de: Das Qualitätsgefälle zwischen Bundesliga und 2. Liga ist im Frauenfußball enorm, nicht viele Spielerinnen dürften auf Ihrem Level gewesen sein. Welche Fähigkeiten braucht man besonders...
Patricia Hanebeck:... Geduld! (Lacht.) Geduld vor allem mit den Mitspielerinnen. Aber auch Kampfkraft, Siegeswillen und Engagement sind in der 2. Liga notwendig. Sonst kannst du nichts reißen.
Soccerdonna.de: Nun hat Sie Bernd Schröder zum 1. FFC Turbine Potsdam geholt. Aus den Niederungen des Fußballs wechseln Sie zu einem europäischen Spitzenverein. Da werden Sie wieder anders gefordert sein. Befürchten Sie nicht, dass die Umstellung zu groß sein könnte?
Patricia Hanebeck: Nein, ich besitze das nötige Selbstvertrauen und weiß, was ich kann.
Soccerdonna.de: Wie ist Ihr erster Eindruck?
Patricia Hanebeck: Schmerzhaft (lacht). Mir tut alles weh. Ich habe in der Vorbereitung noch nie so viel geschuftet wie hier bei Turbine. Wir haben im Moment 15 Trainingseinheiten pro Woche.
Soccerdonna.de: Schröder hat Sie mit Vorschusslorbeeren bedacht und als eine seiner Wunschspielerinnen seit Jahren bezeichnet. Drei Saisons gilt Ihr Vertrag in Potsdam. Was möchten Sie erreichen?
Patricia Hanebeck: Wenn man drei Titel pro Jahr holen kann, sollte man sich das auch zum Ziel setzen. Ich persönlich will es noch einmal wissen. Ich hatte mehrere Angebote vorliegen, mein Vertrag in Köln lief aus. Ich wäre auf jeden Fall gewechselt und habe mich für den erfolgreichsten Klub entschieden. Ich will noch einmal voll angreifen.
Soccerdonna.de: Auch bei der Nationalmannschaft?
Patricia Hanebeck: Warum nicht? Es gibt nichts Schöneres, als für das eigene Land zu spielen.
Soccerdonna.de: Besten Dank, Frau Hanebeck, und viel Erfolg in Potsdam.
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