Marie Kleemann und Mirja Kropp: „Wir sind alle gleich viel wert in diesem Team“


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Marie Kleemann und Mirja Kropp: „Wir sind alle gleich viel wert in diesem Team“ |  Startbeitrag 16.10.2026 - 08:29
  emiliebitsch
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Eintracht Frankfurt

Marie Kleemann und Mirja Kropp haben mit der deutschen U17-Nationalmannschaft die Europameisterschaft gewonnen und dabei auf ganz unterschiedliche Weise auf sich aufmerksam gemacht. Während Marie im EM-Finale den entscheidenden Treffer erzielte, wurde Mirja als Spielerin des Turniers ausgezeichnet. Beide stehen inzwischen bei RB Leipzig unter Vertrag: Marie wechselte im Sommer von Eintracht Frankfurt nach Leipzig und feierte dort bereits ihr Bundesligadebüt, Mirja spielt seit einem Jahr für die Leipzigerinnen. Nun steht für die beiden mit der U17-Weltmeisterschaft, die am morgigen Tag beginnt, das nächste große Turnier bevor. Im Interview mit Soccerdonna blicken sie auf die besonderen Erlebnisse bei der EM zurück, sprechen über den Umgang mit Druck, ihre persönliche Entwicklung und ihre Ziele für die Zukunft. Dabei wird deutlich, welchen Stellenwert der Teamgeist für sie hat – und warum der gemeinsame Erfolg manchmal wichtiger ist als jede individuelle Auszeichnung.



Soccerdonna: Marie, du bist erst in diesem Sommer nach Leipzig gekommen. Wie ist dein erster Eindruck von der Stadt?



Marie Kleemann: Ich fühle mich hier in Leipzig richtig wohl und kann mich bisher über nichts beschweren. Startschwierigkeiten hatte ich auch keine.



Soccerdonna: Mirja, du bist bereits in der vergangenen Saison nach Leipzig gekommen. Wie war es für dich, in eine größere Stadt zu ziehen?



Mirja Kropp: Es ist schon etwas anderes, aber ich habe mich direkt sehr wohlgefühlt. Die Lebensqualität ist sehr hoch und ich finde die Stadt sehr schön.



Soccerdonna: Was vermisst ihr an eurer Heimat am meisten?



Mirja Kropp: Tatsächlich vermisse ich meine alte Schule. Natürlich fehlt mir auch meine Familie. Ich würde gerne einfach mal zu meinen Großeltern fahren können oder sie bei meinen Spielen dabei haben. Das lässt sich aktuell leider nicht ändern. Meine Eltern kommen aber recht oft hierher. Manchmal sitze ich in der Schule und denke, dass es schön wäre, wenn meine alten Klassenkameraden oder Lehrer hier wären. Aber meine neue Schule ist auch ganz cool.



Marie Kleemann: Am meisten vermisse ich meine Familie. Hier ist es anders, wenn sie nicht da ist. Ich habe zwei Geschwister, mit denen ich zu Hause viel rumgealbert habe. Das fehlt mir sehr. Auch das, was Mirja angesprochen hat: meine alten Schulkameraden und meine alte Schule. Mit meinen Freunden habe ich früher viel Quatsch gemacht. Hier ist das in der Schule nicht mehr so oft der Fall, weil ich morgens meistens im Training bin und deshalb nicht so eine enge Bindung zu meinen Mitschülern habe.



Soccerdonna: Mirja, hast du inzwischen auch außerhalb der Mannschaft Freundschaften geschlossen, sodass ihr beispielsweise gemeinsam etwas unternehmen könnt?



Mirja Kropp: Ja, natürlich. Allerdings ist die Bindung eine andere als früher in der Schule. Ich würde mit meinen Mitschülern wahrscheinlich auch mal ins Kino gehen. Trotzdem hat man zu den Mitspielerinnen eine andere Verbindung. Mit ihnen kann man sich auf eine besondere Weise austauschen, weil man gemeinsam in der Mannschaft spielt.



Soccerdonna: Wie sieht euer Alltag mit der Schule und dem Training aktuell aus? Habt ihr vormittags Schule und trainiert anschließend, oder wie koordiniert ihr das?



Mirja Kropp: Bei mir ist es etwas anders als bei Marie, weil ich schon in der zwölften Klasse bin und jeden Tag Schule habe. Wir versuchen, meinen Stundenplan so zu koordinieren, dass ich möglichst oft bei den Jungs trainieren und trotzdem zur Schule gehen kann. Zusätzlich trainiere ich ein- bis dreimal pro Woche bei den Frauen.

Je nachdem, bei wem ich trainiere, sieht mein Tag unterschiedlich aus: Wenn ich bei den Frauen trainiere, gehe ich direkt zum Training und danach nach Hause. Bei den Jungs gehe ich morgens zur Schule, fahre anschließend nach Hause, esse etwas und mache mich dann auf den Weg zum Cottaweg.



Marie Kleemann: Bei mir ist es etwas anders, weil ich erst in die elfte Klasse gehe. Die halbe Woche habe ich Praktikum, die andere Hälfte Schule. Mein Praktikum absolviere ich bei RB Leipzig und lerne dabei verschiedene Abteilungen kennen. So lässt sich die Schule gut mit dem Training kombinieren.

Je nach schulischen Leistungen kann ich ein- oder zweimal pro Woche vom Unterricht freigestellt werden und zusätzlich bei den Frauen trainieren. Wenn das nicht möglich ist, gehe ich morgens zur Schule und trainiere nachmittags bei den U17-Jungs. Ansonsten trainiere ich bei den Profis.



Soccerdonna: Verein, Nationalmannschaft und Schule – ihr seid aktuell viel unterwegs und habt einiges zu bewältigen. Wie geht ihr mit dem mentalen Druck um, der damit einhergeht, gerade in eurem jungen Alter?



Marie Kleemann: Ich glaube, dass man sich in unserem Alter gar nicht so viel Druck machen muss, weil man noch viel Zeit hat. Natürlich ist jetzt eine wichtige Phase, in der man sich stark weiterentwickeln muss, um seinen eigenen Weg zu finden. Ich bin aber generell ein positiver Mensch. Gerade im Fußball sollte man nicht zu viel nachdenken, wenn man auf dem Platz steht. Man muss einfach sein Ding machen, Spaß haben und das auf dem Platz zeigen. Dann kommt vieles andere von selbst.



Mirja Kropp: Bei mir ist es ähnlich. Ich bin in der Schule sehr ehrgeizig und mache mir deshalb wahrscheinlich mehr Stress, als eigentlich nötig wäre. Ich möchte nicht schlechter sein als andere und setze mich dadurch selbst unter Druck. Das ist manchmal nicht ganz einfach, aber grundsätzlich kann ich damit gut umgehen.



Soccerdonna: Was wäre für euch schwieriger: am nächsten Tag eine Klausur oder ein wichtiges Fußballspiel?



Mirja Kropp: Vom Kopf her wäre es für mich die Klausur. Beim Fußball läuft vieles von selbst, da kann ich mich auf meine Fähigkeiten verlassen. In der Schule ist das zwar ähnlich, aber ich muss dafür lernen. Die Schule hat deshalb einen anderen Stellenwert. Mir ist es sehr wichtig, jetzt meinen Abschluss zu machen, damit ich mich im nächsten Jahr voll auf den Fußball konzentrieren kann. Deshalb mache ich mir zwar Druck, muss mich aber auch einfach dahinterklemmen.



Marie Kleemann: Ich würde eher das Fußballspiel nehmen. Ich bin nicht unbedingt jemand, der für die Schule besonders viel lernen muss. Ich lasse es einfach auf mich zukommen – beim Fußball ist es ähnlich. Natürlich arbeitet man dafür, aber am Ende schaut man, was dabei herauskommt. Deshalb wäre für mich das Fußballspiel schwieriger.



Soccerdonna: Ihr habt beide die Fritz-Walter-Medaille erhalten – Mirja in Gold und Marie in Bronze. Was bedeutet euch diese Auszeichnung persönlich?



Marie Kleemann: Ich finde es auf jeden Fall sehr beeindruckend, weil ich überhaupt nicht damit gerechnet habe. Ich bin total stolz, dass ich diese Medaille bekommen habe. Das hätte ich mir niemals erträumt. Ich habe vorher gar nicht daran gedacht, dass ich sie einmal gewinnen könnte. In unserem Jahrgang gibt es so viele starke Spielerinnen, gerade auch in unserer Mannschaft, mit der wir Europameister geworden sind. Das sind alles großartige Spielerinnen. Dass ich nun zu denjenigen gehöre, die diese Medaille erhalten haben, macht mich sehr stolz. Das ist einfach etwas sehr Schönes.

Mirja Kropp: Für mich ist die Auszeichnung auch etwas ganz Besonderes, gerade weil Torhüterinnen bisher nicht so häufig ausgezeichnet wurden. Es ist eine spezielle Position, bei der bestimmte Fähigkeiten manchmal weniger wahrgenommen werden, weil es auch auf die Ausstrahlung ankommt und nicht nur darauf, was man auf dem Platz macht.

Aus der Auszeichnung ziehe ich viel Energie, die ich nutzen kann, um mich persönlich und fußballerisch weiterzuentwickeln. Diese Energie möchte ich auch in die Mannschaft einbringen, damit wir bei der WM als Team erfolgreich sind. Das steht für mich immer an erster Stelle. Mir ist bewusst, dass ich diese Auszeichnung ohne mein Team nicht bekommen hätte. Bei uns kann niemand allein erfolgreich sein. Wenn die Mannschaft nicht so stark wäre, könnte auch keine Einzelne so performen. Genau deshalb ist unser Zusammenhalt so groß: Jede glaubt zu 100 Prozent an das Team.



Soccerdonna: Der DFB betont bei der Auszeichnung nicht nur die sportliche Leistung, sondern auch Lernbereitschaft, Teamgeist und Persönlichkeit. Was glaubt ihr, welcher dieser Punkte euch am meisten auszeichnet?



Marie Kleemann: Ich glaube, man kann da nicht einfach einen einzelnen Punkt herausgreifen. Vielmehr muss alles zusammenpassen. Wenn ich beispielsweise lernbereit bin, aber nicht teamfähig, bringt mir das auch nicht viel. Die verschiedenen Eigenschaften ergänzen sich gegenseitig. Ich glaube, genau das macht am Ende auch aus, dass man diese Medaille bekommt: dass man alle drei Bereiche mitbringt.



Soccerdonna: Die U17-Europameisterschaft hat dem Nachwuchsfußball und der Sichtbarkeit des Frauenfußballs noch einmal Aufschwung gegeben. Wenn ihr einige Monate später auf das Turnier zurückblickt: Was waren eure schönsten Momente?



Mirja Kropp: Wir haben erst kürzlich bei einem Lehrgang noch einmal darüber gesprochen und zusammengetragen, was für uns besonders schön war. Dabei ist uns allen bewusst geworden, dass der Pokal am Ende natürlich großartig ist, aber die gemeinsame Zeit als Team fast noch bedeutender war. Dass wir diese Zeit beispielsweise durch die WM-Qualifikation weiter verlängern konnten, fanden wir sogar noch beeindruckender. Dabei geht es um uns als Mannschaft, unabhängig von Titeln.

Ich glaube, wir haben uns insgesamt nicht allzu viel Druck gemacht. Ich hatte nie das Gefühl, dass wir unbedingt etwas beweisen mussten. Gerade vor dem Finale dachten wir uns, dass jede Minute, die wir dort spielen dürfen, ein Bonus ist. Es war etwas Besonderes, als Team so weit gekommen zu sein. Wir mussten nicht unbedingt noch einmal alles übertreffen, sondern sollten die Gelegenheit genießen. Ich glaube, dass wir auch deshalb am Ende so erfolgreich waren, weil wir uns nicht zu sehr unter Druck gesetzt haben.



Marie Kleemann: Bei mir ist es genauso. Unser Team zeichnet aus, dass wir die gemeinsame Zeit genießen und einen unglaublich starken Zusammenhalt haben – so etwas habe ich noch nie erlebt, weder auf dem Platz noch daneben. Viele haben mir zurückgemeldet, dass man das sogar vor dem Fernseher erkennen konnte. Wenn ich darüber spreche, bekomme ich Gänsehaut. Es war eine wirklich tolle Zeit.



Soccerdonna: Ihr habt die Sichtbarkeit bereits angesprochen. Gerade für den Frauenfußball und insbesondere den Nachwuchs ist es etwas Besonderes, wenn ein ganzes Land mitfiebert und die Spiele übertragen werden. Habt ihr während der EM mitbekommen, wie groß das Interesse war, oder habt ihr dazu im Nachhinein Rückmeldungen erhalten?



Mirja Kropp: Ich glaube, während des Turniers bekommt man davon ehrlich gesagt nicht so viel mit. Natürlich bekommt man Rückmeldungen aus der Familie. Mein Vater hat beispielsweise die Übertragungslinks in all seinen Golf- und Herrenfußballgruppen geteilt und mir erzählt, wie viele Leute zugeschaut haben. Auch Menschen, die ich gar nicht kenne, haben ihn darauf angesprochen. Wenn man selbst beim Turnier ist und sich voll darauf konzentriert, ist man für vieles, was von außen kommt, aber kaum erreichbar. Ich glaube, erst im Nachhinein wird einem durch solche Erzählungen bewusst, welchen Stellenwert das Turnier tatsächlich für ein ganzes Land haben kann.



Marie Kleemann: Ich habe auch immer wieder Nachrichten bekommen, teilweise sogar von Leuten, die ich gar nicht kenne. Manche kennen mich über meine Eltern und haben mir dann geschrieben. Da denkt man schon: Wow, wie viele Menschen das über solche Verbindungen mitbekommen und die Spiele tatsächlich verfolgen. Das ist wirklich beeindruckend. Es war ja „nur“ eine U17-Europameisterschaft, aber ich finde es schon besonders, dass auch wir jüngeren Spielerinnen so viel Unterstützung bekommen.



Soccerdonna: Mirja, du hast während des Turniers – abgesehen vom Elfmeterschießen – nur ein Gegentor kassiert. Wie wichtig ist dir diese Statistik, und wie schaffst du es, auch dann konzentriert zu bleiben, wenn du nur wenige Bälle aufs Tor bekommst?



Mirja Kropp: Ich glaube, bei diesem Turnier ist beides zusammengekommen. Das lag natürlich auch an unserer starken Abwehr, durch die ich teilweise gar nicht so viele Bälle aufs Tor bekommen habe. Die Herausforderung besteht dann darin, trotzdem immer konzentriert und bereit zu sein, wenn es darauf ankommt.

Jede Torhüterin spielt gerne zu null. Nach der EM ist mir noch einmal bewusst geworden, wie gut es ist, bei einem Turnier nur ein Gegentor zu kassieren.

Grundsätzlich ist es aber auch für die gesamte Mannschaft wichtig, zu wissen, dass sie einen sicheren Rückhalt hat. Unsere Verteidigung ist eine absolute Stärke. Mein größtes Ziel ist es, den anderen so viel Sicherheit zu geben, dass sie vorne ihre Tore machen und mutig spielen können. Das ist für die Entwicklung jeder Einzelnen und letztlich auch für den Erfolg des Teams enorm wichtig. Es braucht Mut und Vertrauen in die eigenen Stärken.



Soccerdonna: Beim Elfmeterschießen hast du einige Elfmeter gehalten. Wie bereitest du dich darauf vor? Wie viel ist Vorbereitung und wie viel Instinkt?



Mirja Kropp: Wir hatten uns natürlich vorbereitet. Dafür hat man immer ein bisschen seine Spickzettel.



Soccerdonna: Hattest du die auch dabei?



Mirja Kropp: Ja, vorne am Tor an meiner Flasche. Elfmeterschießen ist immer etwas Besonderes, weil man als Torhüterin eigentlich nicht verlieren kann. Wenn man sich das vorher bewusst macht, ist die Wahrscheinlichkeit meiner Meinung nach ziemlich hoch, dass man mindestens einen Elfmeter hält. In diesem Fall haben meine Mitspielerinnen auch sehr gut geschossen. Ich war mir sicher, dass jede von ihnen ihren Job machen würde. Wenn ich dann auch noch meinen Teil dazu beitrage und einen Elfmeter halte, holen wir uns den Sieg. Deshalb hatte ich eigentlich keinen Druck. Ich glaube, das hat am Ende auch ein bisschen geholfen.



Soccerdonna: Marie hat im EM-Finale gegen Frankreich bereits in der 30. Minute den Siegtreffer erzielt. Was ging dir in diesem Moment durch den Kopf? Konntest du weiterhin voll fokussiert bleiben, oder war dir schon bewusst, dass dieses Tor den Titel bedeuten könnte?



Mirja Kropp: Ich muss ehrlich sagen, dass ich das Tor gar nicht richtig gesehen habe, weil ich von hinten nicht erkennen konnte, was genau passiert ist. Ich glaube, Clara Choisy hatte geschossen, die Torhüterin hatte den Ball gehalten und dann flog er irgendwie weiter. Marie habe ich dabei gar nicht gesehen. Ich habe nur mitbekommen, dass der Ball im Tor war, aber nicht, wie er hineingegangen ist. Ich dachte erst: „Hä? Wie jetzt?“ Plötzlich haben alle gejubelt. Da wir auf dem Platz immer wieder mit der Bank kommunizieren, bin ich zu ihr gegangen und habe erst einmal gefragt, was gerade passiert ist. Ich war wirklich überrascht und dachte nur: „Okay, krass.“

Danach war mir aber sofort klar, dass wir den Fokus behalten mussten. Das gelingt mir eigentlich ziemlich gut. Gleichzeitig wusste ich, dass wir das als Team schaffen können. Wir sind eine Mannschaft mit einer starken Mentalität, und ich glaube, unsere größte Stärke ist es, Spiele für uns zu entscheiden – gerade dann, wenn viel auf dem Spiel steht. Wir können solche Spiele gewinnen, und das ist sehr wichtig.

Dass wir so oft zu null spielen, möchte ich dabei gar nicht an mir selbst festmachen. Unsere Verteidigung macht es mir einfach, weil die Spielerinnen taktisch sehr clever agieren und ihre Aufgaben hervorragend erfüllen. Dadurch kann ich mich voll auf meine eigene Leistung konzentrieren und mich darauf verlassen, dass sie immer da sind.

Soccerdonna: Eine besondere Auszeichnung gab es auch für dich: Du wurdest zur Spielerin des Turniers gewählt. Wann hast du selbst realisiert: „Das war gerade wirklich ein außergewöhnliches Turnier für mich“?



Mirja Kropp: Ich fand die Auszeichnung überraschend, muss ich sagen, weil ich selbst gar nicht so zufrieden mit meinen Leistungen war. Ich dachte nicht, dass ich ein überragendes Turnier gespielt hatte, sondern eher, dass es solide gewesen war. Meine Ausstrahlung auf dem Platz fand ich gut, aber ich hatte auch nicht so viele Situationen, in denen ich mich besonders auszeichnen konnte. Deshalb kam die Auszeichnung für mich recht unerwartet.

Als ich den Pokal bekommen habe, habe ich mich natürlich sehr gefreut. Ich glaube aber, dass ich erst etwa einen Monat später wirklich wertschätzen konnte, wie besonders diese Auszeichnung eigentlich ist. Während des Turniers wollte ich vor allem das Team in den Vordergrund stellen und nicht denken: „Ich habe jetzt diese Auszeichnung bekommen.“ Ohne die Mannschaft wäre das alles nicht möglich gewesen. Deshalb habe ich den Pokal damals auch erst einmal schnell unserem Teammanager überlassen, weil ich mit meiner Mannschaft feiern wollte. Inzwischen hat er aber einen schönen Platz in meiner Wohnung.



Soccerdonna: Hoffst du, dass du in Zukunft noch weitere Pokale sammeln kannst?



Mirja Kropp: Ich würde lieber gemeinsam mit dem Team Pokale gewinnen. Gegen weitere individuelle Auszeichnungen hätte ich natürlich auch nichts einzuwenden. Dafür muss aber die Leistung stimmen. Mal schauen, was ich da noch herausholen kann.



Soccerdonna: Marie, Du hast im Finale den entscheidenden Treffer erzielt. Trotzdem betonst du, dass jede Spielerin gleich viel wert ist. Wie hast du diesen Moment erlebt – und konntest du überhaupt realisieren, dass du gerade das Siegtor geschossen hattest?



Marie Kleemann: Was heißt eine besondere Rolle? Ich glaube, jede Spielerin in diesem Team ist besonders. Wir waren alle Teil dieser U17-Europameisterschaft und sind gemeinsam Europameisterinnen geworden. Keine von uns ist dadurch mehr oder weniger Europameisterin als die anderen. Wir sind alle gleich viel wert in diesem Team. Natürlich ist es schön, dass ich das entscheidende Tor geschossen und schon in der Gruppenphase getroffen habe. Eine besondere Rolle würde ich mir selbst aber nicht zuschreiben.

Wenn ich darüber nachdenke, dass ich dieses Tor geschossen habe, fühlt es sich irgendwie gar nicht so an. Erst wenn ich mir die Szene anschaue, denke ich: „Ja, das bin ich. Ich habe das Tor geschossen.“ Wenn ich zurückblicke, sehe ich vor allem das große Ganze und dass wir gewonnen haben. Wer das Tor geschossen hätte, spielt für mich letztlich keine Rolle. Entscheidend ist der gemeinsame Erfolg.

Beim Jubeln hat man es vielleicht gesehen: Von außen wirkte es, als wäre ich voller Emotionen. Wenn ich heute darüber nachdenke, war ich innerlich aber komplett leer. Ich habe über nichts mehr nachgedacht, sondern bin einfach zur Bank gerannt, um mit den anderen zu jubeln.



Soccerdonna: Du bist in diesem Sommer zu RB Leipzig gewechselt. Warum hast du dich für Leipzig entschieden?



Marie Kleemann: Es war gar keine Entscheidung gegen die U20 von Eintracht Frankfurt, sondern eher eine Entscheidung für Leipzig. Die Gespräche im Vorfeld haben mir sehr gut gefallen, vor allem mit Blick auf meine Entwicklung und den Plan, den der Verein mit mir hat. Ich glaube, dass der Wechsel der beste Schritt für meine weitere Entwicklung war, um irgendwann ganz oben anzukommen.



Soccerdonna: Du hast zuletzt in der 2. Bundesliga gespielt und inzwischen auch deine ersten Minuten in der Bundesliga gesammelt. Bemerkst du Unterschiede zwischen den beiden Ligen, beispielsweise beim Trainingsniveau, der Infrastruktur oder den Bedingungen im Spielbetrieb?



Marie Kleemann: Hier ist alles deutlich professioneller als bei der U20 in Frankfurt. Auch beim Trainingsniveau merkt man den Unterschied, denn zwischen der ersten und der zweiten Liga liegt schon ein großer Abstand. Ich persönlich merke das vor allem im konditionellen Bereich.



Soccerdonna: Mirja war bereits vor deinem Wechsel in Leipzig. Hattet ihr vorher schon Kontakt, oder war die Entscheidung für Leipzig ganz unabhängig davon, dass du hier jemanden kennst?



Marie Kleemann: Ich finde es schon erstaunlich, denn Mirja und ich hatten in der Nationalmannschaft vorher eigentlich kaum etwas miteinander zu tun. Wir hatten nie wirklich miteinander gesprochen oder ein richtiges Gespräch geführt.

In der Nationalmannschaft ist es einfach so, dass man mit manchen Spielerinnen mehr Zeit verbringt als mit anderen. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht mag, sondern dass man sich im Alltag unterschiedlich nahekommt. Als Mirja dann erfahren hat, dass ich nach Leipzig wechsle, hat sie sich total gefreut. Ich mich natürlich auch. Gerade am Anfang hat sie mir viel Sicherheit gegeben und mir dabei geholfen, mich in die Abläufe hier einzufinden. Sie ist inzwischen eine sehr wichtige Person für mich, weil sie die Einzige hier ist, die ich bereits kannte. Deshalb war es gerade zu Beginn sehr wichtig für mich, sie an meiner Seite zu haben.



Soccerdonna: Außerdem hast du gegen Union Berlin dein Bundesligadebüt gefeiert. Wie hast du den Moment erlebt, als du mit 17 Jahren vor dieser Kulisse eingewechselt wurdest? Wann hast du erfahren, dass du zum Einsatz kommen würdest?



Marie Kleemann: Das habe ich erst kurz vorher erfahren, wie es beim Aufwärmen meistens der Fall ist. Die Athletiktrainerin, die mit uns das Aufwärmprogramm macht, bekommt Bescheid, welche Spielerinnen sich an der Bank bereitmachen sollen. Als mein Name fiel, bin ich zur Bank gelaufen, habe mich fertig gemacht und noch ein paar taktische Anweisungen bekommen. Dann bin ich auf den Platz gekommen.

Natürlich hätten wir uns alle einen anderen Spielverlauf gewünscht. Es war schade, dass kurz vor meiner Einwechslung noch das Gegentor gefallen ist. Das war allerdings auch ein Traumtor von Samantha Steuerwald, das sie wahrscheinlich nicht jeden Tag schießt. Trotzdem muss man das Positive sehen: Es war mein Bundesligadebüt. Mit 17 Jahren in der höchsten deutschen Spielklasse zu debütieren, ist ein unglaubliches Gefühl.

Ich bin generell niemand, der vor einem Spiel besonders nervös ist. Deshalb war ich einfach fokussiert. Außerdem war in dem Moment alles ziemlich hektisch: Ich stand schon an der Seitenlinie, als das Gegentor fiel. Dann wurden noch zwei Spielerinnen von Union Berlin eingewechselt, und es war insgesamt etwas unübersichtlich. Schließlich bin ich einfach auf den Platz gelaufen, und für mich begannen die letzten Minuten des Spiels.



Soccerdonna: Was hast du dir für deine persönliche Entwicklung in dieser Saison vorgenommen?



Marie Kleemann: Ich möchte die nächsten Schritte gehen und richtig im Frauenfußball, insbesondere in der Bundesliga, ankommen. Dafür möchte ich möglichst viele Spielminuten in der ersten Liga sammeln und mich kontinuierlich weiterentwickeln. Mein Ziel ist es, im nächsten Jahr noch mehr Einsatzzeit in der Bundesliga zu bekommen und mich langfristig als fester Bestandteil der Liga zu etablieren.



Soccerdonna: Mirja, du bist inzwischen seit einem Jahr in Leipzig. In welchen Bereichen hast du dich seit deinem Wechsel am stärksten weiterentwickelt – sowohl persönlich als auch sportlich?



Mirja Kropp: Ich würde sagen, vor allem persönlich, insbesondere mit Blick auf diese Saison. Im vergangenen Jahr war ich noch sehr zurückhaltend und habe mich nicht so viel getraut, weil die anderen Spielerinnen deutlich älter waren, mehr Erfahrung hatten und mir in vielen Dingen voraus waren. Deshalb habe ich zunächst versucht, möglichst viel aufzusaugen und von ihnen zu lernen.

Inzwischen denke ich, dass ich mehr Verantwortung übernehmen sollte. Ich bin jetzt schon eine Weile hier und wir haben viele neue Spielerinnen dazubekommen. Deshalb traue ich mich mittlerweile auch mehr, innerhalb der Mannschaft meine Meinung zu äußern. Zwar habe ich noch nicht so viel Erfahrung, aber die möchte ich trotzdem einbringen und mich zu einer Persönlichkeit entwickeln, auf die sich die Mannschaft verlassen kann.

Auch wenn ich selbst nicht spiele oder nicht im Kader stehe, möchte ich den anderen ein gutes Gefühl geben und ihnen Energie vermitteln, damit sie ihre Leistung abrufen können. Ich sehe es als meine Aufgabe, dass sich die Mannschaft auf mich verlassen kann. Ich glaube, dass ich mich in dieser Hinsicht im Vergleich zum vergangenen Jahr noch einmal deutlich weiterentwickelt habe.



Soccerdonna: Ist dein Bundesligadebüt etwas, worauf du aktuell hinarbeitest?



Mirja Kropp: Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, dass es für Torhüterinnen immer ein bisschen schwieriger ist, weil es eine besondere Position ist und man manchmal auch Glück braucht, um in die Startelf zu kommen. Deshalb ist es nicht immer leicht, sich deswegen keinen Druck zu machen. Natürlich möchte ich irgendwann spielen.

Gleichzeitig denke ich, dass es bei Torhüterinnen auch niemandem übel genommen wird, wenn das Debüt erst in ein paar Jahren kommt.

Entscheidend ist nicht, wann man spielt, sondern dass man seine Leistung bringt, wenn man die Chance bekommt. Das gibt einem selbst Sicherheit und ist auch für die Mannschaft enorm wichtig.

Deshalb sollte man sich nicht zu viel Druck machen. Ich versuche, mich immer wieder daran zu erinnern. Manchmal denke ich natürlich trotzdem, dass ich gerne spielen würde und es langsam so weit sein könnte. Aber wenn man sich die Realität vor Augen führt, weiß man auch, dass es dauern kann und man Geduld mitbringen muss.



Soccerdonna: Ihr wart vor etwa eineinhalb Wochen beim WM-Lehrgang. Wie fühlt es sich an, dass die Weltmeisterschaft schon so kurz bevorsteht? Ist das für euch noch weit weg oder könnt ihr schon realisieren, dass es bald losgeht?*



Marie Kleemann: Es geht alles unglaublich schnell. Aktuell konzentriert man sich bei RB Leipzig auf jede Trainingswoche und jede einzelne Einheit. Und plötzlich ist es in drei Wochen schon so weit und wir sind wieder bei der Nationalmannschaft für die WM. Da bleibt gar nicht viel Zeit, um über alles nachzudenken. Es kommt einfach auf einen zu. Gleichzeitig muss man die Europameisterschaft langsam ein bisschen abhaken. Wenn mit der Weltmeisterschaft das nächste große Turnier ansteht, muss man das vorherige Erlebnis etwas in den Hintergrund rücken und sich auf die neue Aufgabe konzentrieren. Aktuell liegt mein Fokus aber noch vollständig auf RB Leipzig. In drei Wochen richtet sich meine Aufmerksamkeit dann auf die Weltmeisterschaft.



Mirja Kropp: Wenn man darüber nachdenkt, ist das alles manchmal surreal. Als wir mit der U17 angefangen haben, haben wir die älteren Jahrgänge bei ihren Turnieren beobachtet und uns vorgestellt, dass wir im nächsten Jahr selbst so weit sein könnten. Dabei waren wir gerade erst in der U17 angekommen – und plötzlich ging alles richtig los. Die EM-Qualifikation war ein wichtiger Teil unseres Weges. Unser größtes Ziel als Mannschaft war immer, möglichst viel gemeinsame Zeit miteinander zu verbringen. Dass wir dieses Ziel mit der Europameisterschaft erreicht haben, war etwas ganz Besonderes. Jetzt müssen wir das Turnier abhaken und die Weltmeisterschaft als nächsten großen Schritt sehen. Wir wollen dort wieder eine tolle gemeinsame Zeit erleben und alles für die Mannschaft geben.

Aus dem EM-Erfolg schöpfe ich viel Selbstvertrauen. Wir fahren als amtierende Europameisterinnen zur WM, sind aber gleichzeitig bodenständig. Niemand denkt, dass wir automatisch Weltmeisterinnen werden, nur weil wir Europameisterinnen sind. Wir wissen, dass wir uns jeden Erfolg neu erarbeiten müssen.

Auch bei der WM warten starke Gegnerinnen auf uns. Nordkorea hat beispielsweise zweimal in Folge den Titel gewonnen und ist deshalb eine Mannschaft, die man auf dem Zettel haben muss. Auch der südamerikanische Fußball ist spannend. Wir haben Argentinien in unserer Gruppe und wissen noch nicht genau, was uns erwartet. Genau das macht das Turnier interessant: Wir müssen den Reset-Knopf drücken und wieder bei Null anfangen. Ich bin aber überzeugt, dass wir mit dieser Einstellung eine gute Weltmeisterschaft spielen können.



Soccerdonna: Gibt es unter euren Gruppengegnern Argentinien, Marokko und Neuseeland ein Team, auf das ihr euch besonders freut? Habt ihr euch die Gegnerinnen schon genauer angeschaut, oder steht für euch erst einmal im Vordergrund, bei der Weltmeisterschaft auf dem Platz zu stehen und eure Leistung zu zeigen?



Marie Kleemann: Ich glaube, an erster Stelle steht für uns, dass wir die Weltmeisterschaft spielen und dort gut performen wollen. Persönlich freue ich mich aber besonders auf das Gruppenspiel gegen Marokko, weil das Turnier in ihrem Heimatland stattfindet. Ich glaube, dass dort eine unglaubliche Stimmung herrschen wird. Deshalb freue ich mich schon sehr darauf, dort zu spielen.



*Das Interview wurde Ende September kurz nach dem WM-Lehrgang geführt.
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