04.01.2026 - 12:45 | News | Source: sd | von: Stefan Wallaschek
Was Torbeteiligungen über den Fußball der BL-Hinrunde erzählen

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©TSG Hoffenheim
Viertelfinale der Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland. USA gegen Brasilien, 122. Minute der Verlängerung. Die US-Amerikanerinnen stehen vor dem Aus, als Megan Rapinoe ein letztes Mal den Ball mit links in den Strafraum schlägt. Abby Wambach steigt hoch, köpft – Tor. Ausgleich. Die USA gewinnen später im Elfmeterschießen. Fast 15 Jahre später, Viertelfinale der Europameisterschaft 2025 in der Schweiz. Deutschland gegen Frankreich. Die DFB-Elf spielt in Unterzahl, liegt 0:1 zurück. Eckball, 25. Minute. Klara Bühl bringt den Ball auf den kurzen Pfosten, Sjoeke Nüsken verlängert ihn ins Tor. Das Spiel endet erneut mit Elfmeterschießen und einem epischen Ende zugunsten der DFB-Elf. Diese Szenen gehören zur jüngeren Geschichte des Frauenfußballs. Und sie verdeutlichen etwas, das im Spiel oft selbstverständlich wirkt: Tore entstehen selten allein. Sie sind fast immer das Ergebnis von Vorarbeit – von Pässen, Flanken, Ecken, Standards. Ohne präzise Vorlagen gibt es viele uns bekannter, völlig ikonischer Treffer, nicht.

Was uns Vorlagen erzählen

Mit dem Ende der Hinrunde der Bundesliga 2025/26 wird deutlicher, welche Offensivmuster tragen – und welche Mannschaften ihre Tore tatsächlich herausspielen. In 98 Spielen – inklusive des 14. Spieltags – fielen 349 Tore. Rund zwei Drittel davon wurden nach einer direkten Torvorlage erzielt. Elfmeter und Eigentore machen nur einen kleineren Teil aus, ebenso Treffer ohne Assist, etwa nach Einzelaktionen oder Abprallern. Die Mehrheit der Tore ist vorbereitet – und damit ein klarer Ausdruck funktionierender Offensivstrukturen.

Tore sind Teamarbeit

Dabei lohnt sich der Blick auf die Unterschiede zwischen den Teams. Besonders hohe Anteile an assistierten Toren weisen die Spitzenteams auf. Der FC Bayern München kommt auf knapp 75 Prozent, der 1. FC Köln und der VfL Wolfsburg liegen ebenfalls deutlich über dem Ligadurchschnitt von 64 Prozent. Am anderen Ende der Skala stehen Mannschaften wie die SGS Essen, Union Berlin oder Carl Zeiss Jena, bei denen knapp oder sogar weniger als die Hälfte der Tore nach einer direkten Vorlage fällt.

Natürlich spielt dabei auch die absolute Zahl der erzielten Tore eine Rolle – im positiven wie im negativen Sinn. Doch unabhängig davon zeichnen sich klare Tendenzen ab. Erfolgreiche Teams finden häufiger kreative, kollektive Lösungen, um Torchancen zu kreieren. Sie spielen sich Chancen heraus, nutzen Laufwege, Passfolgen und abgestimmte Bewegungen. Mannschaften mit schwächerer Offensive hingegen sind öfter auf Einzelaktionen, Zufälle oder Fehler der Gegnerinnen angewiesen.

Warum Tore schießen allein nicht reicht

Denn Tore entstehen nicht aus dem Nichts. Sie müssen vorbereitet werden. Standards wie Elfmeter bleiben wichtige Mittel, doch sie können kein nachhaltiges Offensivkonzept ersetzen. Wenn zentrale Automatismen fehlen, wenn kreative Spielerinnen den Verein verlassen oder nicht adäquat ersetzt werden, wenn Zielspielerinnen in der Sturmspitze fehlen oder verletzt sind, geraten Mannschaften ins Straucheln. Das Problem liegt dann nicht nur im Abschließen – sondern bereits einen Schritt davor.

Mehr als Scorerinnenpunkte

Ein Blick auf die Scorerinnenliste verdeutlicht das Zusammenspiel von Toren und Vorlagen. Klara Bühl führt die Liste mit 18 Scorerpunkten an, verteilt auf sechs Tore und zwölf Vorlagen. Dahinter folgen Alexandra Popp und Selina Cerci. Auffällig ist jedoch weniger die Rangfolge als die Verteilung: Nur fünf Spielerinnen kommen in dieser Saison bislang auf mindestens fünf Vorlagen. Bühl ragt heraus, doch auch sie steht nicht allein – ihre Zahlen sind eingebettet in die funktionierende Offensive des FCB.

Wenn zwei Spielerinnen den Unterschied machen

Noch deutlicher wird das auf der Ebene der Duos. Denn zu jedem assistierten Tor gehören zwei Spielerinnen. In der Hinrunde lassen sich 178 verschiedene Vorlagen-Tor-Kombinationen identifizieren – ein Hinweis auf eine gewisse Parität in der Liga. Kein einziges Duo dominiert ligaweit. Das häufigste Duo – Cerci und Kössler von der TSG – war an sechs Toren beteiligt, fünf weitere Duos an jeweils drei Treffern. Und diese sechs Duos stammen aus fünf unterschiedlichen Teams. Selbst bei den Topklubs verteilt sich die Verantwortung auf mehrere Schultern. Eine Ausnahme bildet Bayern München, wo sich mit Bühl/Harder und Bühl/Dallmann zwei Duos abzeichnen, die wiederholt gemeinsam an Treffern beteiligt waren (je 3). Ligaweit führen Selina Cerci und Melissa Kössler von der TSG Hoffenheim mit sechs gemeinsamen Torbeteiligungen. Bezogen auf alle Hoffenheimer Tore entspricht das rund 21 Prozent – ein beachtlicher, aber kein außergewöhnlicher Wert.

Abhängigkeit als strukturelles Risiko

Relativ gesehen sind andere Duos sogar noch wichtiger für ihre Teams. Bei Carl Zeiss Jena liegt das Duo Jaron/Tietz bei knapp 17 Prozent während das HSV Duo Brunnthaler/Stoldt an etwa 15 Prozent aller Tore des Vereins beteiligt ist. Der Grund dafür ist simpel: Beide Teams erzielen insgesamt weniger Tore. Gleichzeitig zeigt sich darin die Abhängigkeit von einzelnen Spielerinnen oder festen Spielerinnen-Kombinationen, die weitaus größer ist. Gerade darin zeigt sich eine strukturelle Schwäche vieler Teams in der unteren Tabellenhälfte. Sie haben nicht nur Probleme, Tore herauszuspielen – sie sind auch stärker auf wenige Akteurinnen angewiesen. Bessere Teams können Ausfälle kompensieren, Rollen rotieren, Verantwortung verteilen. Schwächere Teams hingegen werden berechenbarer, wenn ihre zentralen Duos nicht funktionieren.

Was Vorlagen über den Fußball verraten

Torvorlagen gehören zum Tore schießen wie die Torwarthandschuhe zu einer Torhüterin: Ohne wird es deutlich schwerer. Vorlagen sind also kein schmückendes Beiwerk, sondern ein zentraler Indikator für Eingespieltheit, offensive Vielfalt sowie Struktur. Es wird spannend zu sehen sein, wie die Rückrunde verläuft und inwiefern sich die aufgezeigten Tendenzen verfestigen oder sich im Laufe der Saison verschieben.

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