28.10.2013 - 15:27 | News | Source: Soccerdonna
«Wir haben noch Luft nach oben»

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Nadine Keßler ist Kapitänin und Kopf des Triple-Siegers VfL Wolfsburg. Im Gespräch mit Christoph Mulitze erzählt die 25 Jahre alte defensive Mittelfeldspielerin, warum der Saisonstart für die Wölfinnen so holprig verlief, wie in der Champions League Malmö besiegt werden kann und warum positives Denken wichtig ist.

Soccerdonna.de: Hallo Frau Keßler, Sie mussten wegen Ihrer Verletzung auch das Länderspiel gegen Kroatien am Mittwoch absagen. Wie geht es Ihnen, was macht die Verletzung?

Nadine Keßler: Danke, ich bin auf dem Weg der Besserung.

Soccerdonna.de: Sie haben in der vergangenen Saison alles gewonnen, was zu gewinnen war: Deutsche Meisterschaft, DFB-Pokal, Champions League und Europameisterschaft. Innerhalb von zehn Wochen haben Sie vier Trophäen in den Himmel gereckt. Träumen Sie manchmal nachts davon?

Nadine Keßler: Ja. Vor allem in den ersten Wochen. Das war die beste Zeit meines Lebens. Die Ereignisse nimmt man mit ins Bett, das ist klar.

Soccerdonna.de: Sie Sind die Kapitänin der erfolgreichsten europäischen Frauenmannschaft. Haben Sie die Erfolge zeitnah realisiert, oder wann wurde Ihnen klar, was Sie - als Verein, aber auch persönlich - erreicht haben?

Nadine Keßler: Nein. Dazu gab es keine Zeit. Vor allem die ersten drei Titel kamen Schlag auf Schlag. Ich habe erst in der Sommerpause richtig verstanden, was da passiert ist.

Soccerdonna.de: Welcher der vier Titel war für Sie persönlich der schönste?

Nadine Keßler: Hmm, das lässt sich so einfach nicht beantworten. Die Champions League in London zu gewinnen, war ein großes Spektakel. Wirklich toll, das erlebt zu haben. Die Deutsche Meisterschaft hat aber für mich einen höheren Stellenwert, weil der Titel unsere kontinuierliche Arbeit in der ganzen Saison belohnt hat. Noch eine Stufe darüber steht für mich ganz persönlich die Europameisterschaft. Mit der Nationalmannschaft einen Titel zu holen, ist für jeden Spieler und für jede Spielerin der größte Traum. Das war die Krönung der Saison, ohne damit die Vereinserfolge abwerten zu wollen.

Soccerdonna.de: Eigentlich müsste man als Spielerin nach so einer Saison aufhören, oder ist das noch zu toppen?

Nadine Keßler: Natürlich ist das zu toppen. Der Verein hat, wie ich auch, noch Luft nach oben. Da geht noch was. Außerdem haben wir jetzt Lust auf mehr.

Soccerdonna.de: Wissen Sie eigentlich, wie viele freie Tage Sie seit dem Sommer 2012 hatten?

Nadine Keßler: Puh, keine Ahnung. ich weiß nur, dass ich im vergangenen halben Jahr 110 Tage auf Reisen war.

Soccerdonna.de: Sie sind der Kopf der Wolfsburger Mannschaft, haben eine starke Präsenz auf dem Platz. Dzsenifer Marozsan hat mal gesagt, Sie seien schon in Saarbrücken ihr großes Vorbild gewesen. Trotzdem bekommen Sie von den Medien nicht die Aufmerksamkeit wie einige andere Spielerinnen, ich nenne als Beispiele Alexandra Popp, Lira Bajramaj oder Simone Laudehr. Woran liegt das?

Nadine Keßler: Keine Ahnung. Ich mache mir darüber keine Gedanken und will mich auch nicht beschweren. So wie es ist, ist es gut. Für mich sollte es so sein.

Soccerdonna.de: Ist man als defensive Mittelfeldspielerin vielleicht nicht so gut zu verkaufen wie eine Stürmerin?

Nadine Keßler: Das weiß ich nicht, da bin ich überfragt.

Soccerdonna.de: Bundesweit haben die Frauen das Image des Werksklubs VfL Wolfsburg in der vergangenen Saison mächtig aufpoliert. Haben Sie das in der Stadt und im Umland gespürt?

Nadine Keßler: Ja, die Stimmung ist uns gegenüber sehr positiv. Die Leute sind freundlich, grüßen, manche sprechen uns auch an. Ich empfinde das als angenehm.

Soccerdonna.de: Der Start in die laufende Saison war etwas holprig für den VfL. Woran liegt das?

Nadine Keßler: Die Erwartungshaltung ist durch die Erfolge gestiegen. Aber es kann nicht immer alles glatt laufen. Wir hatten zu Beginn einige Verletzungen zu beklagen, durch die EM haben auch nicht alle die komplette Vorbereitung mitgemacht.

Soccerdonna.de: Wie schätzen Sie die Bundesliga in dieser Saison ein?

Nadine Keßler: Das Niveau ist insgesamt deutlich gestiegen. Die Spitze ist durch Bayern München breiter geworden, das Mittelfeld ist sehr ausgeglichen. Die ersten Spiele haben gezeigt, dass auch die Topteams gegen vermeintlich schwächere Gegner alles geben müssen, um nicht Punkte liegen zu lassen. Für die Bundesliga ist das eine gute Entwicklung.

Soccerdonna.de: Tut Ihnen eigentlich manchmal der unterlegene Gegner ein bisschen leid? ich denke da vor allem an Ergebnisse wie ein 8:1 gegen Sindelfingen.

Nadine Keßler: Nee, so ist das eben im Sport: Der eine gewinnt, der andere verliert. Ich freue mich über jedes unserer Tore, da kann ich nicht gleichzeitig an den armen Gegner denken. Mitleid halte ich da für unangebracht.

Soccerdonna.de: In der Champions League wartet nun der neue schwedische Meister Malmö mit Anja Mittag, ihrer alten Teamkollegin aus Potsdam, auf Sie. Das ist schon im Achtelfinale ein dicker Brocken. Was wissen Sie über den Gegner?

Nadine Keßler: Das werden in der Tat zwei schwere Spiel. Malmö hat unter anderem mit Anja Mittag und Ramona Bachmann eine extrem starke Offensive. Die Spitzen sind pfeilschnell und technisch versiert. Die Schwächen sehe ich eher in der Defensive.

Soccerdonna.de: Welche Schlüsse ziehen Sie daraus, wie wollen Sie spielen?

Nadine Keßler: Ich denke, wir müssen das Spiel gestalten und Druck auf die Defensive ausüben, ohne hinten allzu offen für Konter zu sein. Unter Druck wird die schwedische Abwehr Fehler machen, die wir ausnutzen müssen.

Soccerdonna.de: Im DFB-Pokal müssen Sie in der nächsten Runde in Frankfurt antreten - auch das ist kein Zuckerschlecken. Wenn es dumm läuft, sind Sie im November als Titelverteidiger schon in zwei Wettbewerben ausgeschieden. Wäre die Saison dann noch zu retten?

Nadine Keßler: Von einem solchen Fall gehen wir nicht aus. Wenn wir vorher über Niederlagen nachdenken, haben wir schon verloren. Nein, wir gehen positiv an die Spiele ran und erwarten, dass wir in beiden Wettbewerben weiterkommen. Alles andere ist für uns kein Thema.

Soccerdonna.de: Sie haben mit DFB-Nachwuchsteams Erfolge und Titel gefeiert. In der Nationalmannschaft selbst hat es aber relativ lange gedauert, ehe Sie regelmäßig berufen wurden. Woran lag das?

Nadine Keßler: Ich hatte in jungen Jahren viele, teilweise schwere, Verletzungen. Wenn ich gerade auf einem guten Weg war, warf mich die nächste wieder zurück. Unter diesen Voraussetzungen war es schwierig, sich zu etablieren.

Soccerdonna.de: Sie sind studierte Fitnessökonomin und bei einer Marketing- und Werbeagentur in Wolfsburg angestellt. Was machen Sie dort konkret?

Nadine Keßler: Ich bin im Projektmanagement beschäftigt. Ich betreue also Projekte unserer Kunden verantwortlich und weise die Designer in ihre Arbeit ein.

Soccerdonna.de: Aber das ist doch sicherlich kein Vollzeitjob.

Nadine Keßler: Nein, ich habe einen 20-Stunden-Vertrag.

Soccerdonna.de: Sie stammen aus der Pfalz und sind glühender Fan des 1.FC Kaiserslautern. Wie oft besuchen Sie heute noch Spiele der Roten Teufel?

Nadine Keßler: Wenn ich mal zu Hause bin und es zeitlich gerade passt, gehe ich natürlich auf den Betze. Leider passiert das seit Jahren nur noch sehr selten.

Soccerdonna.de: Im Jahr 2009 hatten Sie eine ganz ungewohnte Rolle: Die saarländische SPD hatte Sie in die Bundesversammlung berufen, um den Bundespräsidenten mitzuwählen. Wie kam es dazu?

Nadine Keßler: Damals spielte ich noch beim 1.FC Saarbrücken. Das Saarland ist nicht besonders groß, die Stadt Saarbrücken auch nicht. Da kennen sich untereinander fast alle (lacht). Wir hatten damals einen guten Kontakt zu Heiko Maas (Anm.: SPD-Vorsitzender im Saarland), und er hatte mich gefragt, ob ich dazu Lust hätte. Ich fand das interessant und habe zugesagt.

Soccerdonna.de: Sind Sie politisch interessiert?

Nadine Keßler: Ja natürlich. Ich verfolge über die Medien regelmäßig das politische Geschehen - wie viele andere Menschen auch. Ich würde mich als durchschnittlich interessiert bezeichnen.

Soccerdonna.de: Sie betonen immer, dass Ihnen die Familie sehr wichtig sei. Nun ist es so, dass Ihre Familie nicht in Ihrer Nähe wohnt. Wie halten Sie regelmäßig Kontakt?

Nadine Keßler: Natürlich nutzen wir das Handy mit all seinen Möglichkeiten, und meine Eltern, Geschwister und Freunde von daheim besuchen mich recht oft bei unseren Spielen in Wolfsburg.

Soccerdonna.de: Wer Ihrer Meinung nach Deutscher Meister wird, kann ich mir denken. Wer aber qualifiziert sich neben Wolfsburg für die Champions League?

Nadine Keßler: Oh. Da kann ich überhaupt keine Prognose abgeben. Es ist in der Spitze im Moment so eng, dass ich mir keine Vorhersage zutraue.

Soccerdonna.de: Und der 1.FC Kaiserslautern steigt in die Bundesliga auf?

Nadine Keßler: Natürlich. Davon gehe ich fest aus.

Soccerdonna.de: Vielen Dank, Frau Keßler, und alles Gute für die laufende Saison.

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