27.06.2022 - 15:27 Uhr | News | Quelle: dpa
Der Frauenfußball will nur noch Fußball sein - Aufwind durch die EM?

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©VfL Wolfsburg
Die Frauen-EM in England soll ein weiterer Schritt in Richtung Geschlechtergleichheit im Fußball werden. In manchen Ländern geht es rasant vorwärts, die Bundesliga kämpft weiter mit großen Defiziten. Almuth Schult schaut jetzt, was in den USA besser gemacht wird.

In Herzogenaurach schlafen die deutschen Fußballerinnen immerhin in den gleichen Betten und trainieren auf den gleichen Plätzen wie zuvor die DFB-Männer um Manuel Neuer. Die hinterließen den Frauen im Teamquartier netterweise ein Trikot mit Autogrammen und der Aufschrift: «Viel Erfolg, Mädels!» Den brauchen die auch, wenn es mit ihrem Sport weiter voran gehen soll.

Verbandsdirektor Oliver Bierhoff hatte zuvor in Gesprächen mit Spielerinnen und Verantwortlichen festgestellt, dass es der Frauen-Fraktion «fast noch mehr um Equal Play statt Equal Pay» geht. Gleiche Bedingungen also, aber nicht zwingend finanziell? Vor der Europameisterschaft in England vom 6. bis 31. Juli ist mächtig Bewegung in einer Szene, die hartnäckig um mehr Sichtbarkeit, Anerkennung und auch Geld kämpft.

Für Almuth Schult fängt das alles schon bei den Begrifflichkeiten an. «Diese Betonung auf Fußball und Frauenfußball habe ich selber sehr, sehr oft erfahren», sagt die Torhüterin vom VfL Wolfsburg. FIFA World und FIFA Women's World Cup, UEFA Champions League und UEFA Women's Champions League - «warum muss das extra ausgewiesen werden? Das ist genau diese Abwertung, die man nicht braucht», kritisiert die Olympiasiegerin von 2016. «Da müssen die UEFA und die FIFA einfach auch einen Schritt nach vorne gehen und ein bisschen mehr Gleichheit von Anfang an herstellen.»

In der Bundesliga sei es dasselbe Muster: «Warum heißt es nicht bei beiden einfach Bundesliga. Oder: Männer-Bundesliga und Frauen-Bundesliga?» Die 31 Jahre alte Schult - längst eine starke Stimme, wenn es um Geschlechtergleichheit geht - wechselt nach der EM in die USA zum Angel City FC. Sie will sich dort genau anschauen, wie der Club und die National Women's Soccer League (NWSL) ausgestattet sind und vermarktet werden. 16 000 Dauerkarten habe ihr neuer Verein übrigens verkauft. Die «teilweise sehr unprofessionellen Spielorte» in der Bundesliga jenseits von Wolfsburg, München, Frankfurt und Hoffenheim werde sie nicht vermissen.

Über die Trainingsbedingungen, die Unterkünfte und die Betreuung beim DFB «kann sich absolut niemand beschweren», betont Schults Clubkollegin Lena Lattwein. Ihr Anliegen für den Alltag in den Vereinen ist: «Dass die Mädels da von den Bedingungen her alle ungefähr auf einem Niveau sind. Das ist mir wichtiger, als die Lücke zu den Männern zu schließen.»

Nationalstürmerin Laura Freigang wünscht sich für den Frauenfußball in Deutschland ähnliche Voraussetzungen wie im EM-Gastgeberland: «In England sind die Vereine der ersten Liga zum Beispiel dazu verpflichtet, eine Frauenmannschaft zu haben», betont die 24-Jährige von Eintracht Frankfurt. Sie habe das Gefühl, «dass gerade in England medial sehr, sehr viel gemacht und auch kräftig geworben wird.» Auch Freigang hofft vor allem auf professionellere Strukturen: «Ich würde keine Millionen verdienen wollen, um ehrlich zu sein.»

Andere wie Bayern-Abwehrspielerin Giulia Gwinn verweisen darauf, dass im Ausland die Frauen immer öfter gemeinsam mit den männlichen Stars vermarktet werden: «In Barcelona hängen zum Beispiel im Camp Nou Bilder von Männern und Frauen, da wird auch im Stadion der ganze Verein gelebt.»

In Spanien erhalten die Kickerinnen künftig auch einen gleichen Anteil an den von der UEFA und der FIFA verteilten Bonuszahlungen und an Fernsehprämien - was natürlich deutlich geringere Summen sind als bei ihren Kollegen. Der FC Barcelona hat mit Unterstützung des gesamten Clubs einen Meilenstein gesetzt: Das Team um Weltfußballerin Alexia Putellas spielte im Halbfinale der Königsklasse gegen Wolfsburg im Camp Nou vor der Rekordkulisse von 91 648 Fans.

Die Bundesliga wird in der Öffentlichkeit weiter kaum wahrgenommen. Obwohl man beim DFB nach jedem der Erfolge des Nationalteams - zweimal Weltmeister, achtmal Europameister und einmal Olympiasieger - und nach der Heim-WM 2011 immer auf den großen Aufschwung gehofft hatte. Der Erstliga-Betrieb bleibt ein Zuschussgeschäft: Einem durchschnittlichen Umsatz von 1,26 Millionen Euro pro Saison und Club stehen Ausgaben in Höhe von 2,46 Millionen gegenüber.

Angesichts der Summen, die im Männerfußball bewegt werden, ist es für Vereine wie Meister VfL Wolfsburg, Vizemeister FC Bayern und den kommenden Champions-League-Teilnehmer Eintracht Frankfurt ein Leichtes, das Defizit auszugleichen. Dennoch ist es im Alltag fast überall mehr ein Nebeneinander als ein Miteinander.

Die geringe Durchlässigkeit beschreibt auch Stephan Lerch. Der frühere Wolfsburger Meistercoach bemängelt, dass Trainer von Frauenteams im Männerfußball so wenig gefragt sind. «Natürlich gibt es Unterschiede bei der Athletik und Dynamik. Aber warum sollte ein Trainer, der Erfolge im Frauenfußball vorweisen kann, nicht auch mit Männern umgehen können?», sagt der 37-Jährige, der inzwischen im männlichen Nachwuchsbereich bei der TSG 1899 Hoffenheim tätig ist.

Immerhin: Mit ihren Champions-League-Spielen in der Allianz Arena (vor 13 000 Zuschauern) und in der Volkswagen Arena (20 000) haben die Münchnerinnen und Wolfsburgerinnen in der vergangenen Saison einen Riesenschritt gemacht. Groß beworbene Highlight-Spiele in großen Stadien soll es künftig öfter geben.

In England ist der Frauenfußball schon jetzt deutlich im Aufwind. In der Saison 2021/22 wurden die Spiele der Women's Super League laut einer Analyse des Women's Sport Trust fast viermal so häufig geschaut wie in der Saison davor (34 Millionen Stunden gegenüber 8,8 Millionen Stunden). Fast alle Spiele der EM laufen auf BBC One oder BBC Two, die restlichen frei zugänglich im Internet.

Nach einem Bericht des Magazins «FourFourTwo» verdienen die Spielerinnen in der WSL im Schnitt 30 000 Pfund (rund 35 000 Euro), als Star bis zu 200 000 Pfund pro Saison. In Deutschland erhalten allenfalls Spitzenprofis ein niedriges fünfstelliges Gehalt im Monat.

In den Nordischen Ländern - mit den EM-Teilnehmern Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island - sind sie in Sachen Gleichberechtigung auf und neben dem Rasen bereits ein gutes Stück weiter als der Rest Europas. Beim Olympia-Zweiten Schweden zum Beispiel wird in den Medien und der Öffentlichkeit schon seit längerem sprachlich nicht mehr zwischen «Fußball» und «Frauenfußball» unterschieden. Stars wie die Dänin Pernille Harder und die Schwedinnen Caroline Seger, Kosovare Asllani und Fridolina Rolfö genießen hohes Ansehen.

Beim DFB machen sie nach Angaben Bierhoffs «alles», damit die Nationalspielerinnen die gleichen Bedingungen haben wie die Männer. Das gilt nicht für Prämien: Das Team von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg würde bei einem EM-Triumph pro Kopf jeweils 60 000 Euro erhalten. Für die Männer hätte es im vergangenen Jahr bei einem Titelgewinn 400 000 gegeben.

In den USA, wo die Frauen-Auswahl wesentlich erfolgreicher ist als die der Männer, haben die von Megan Rapinoe angeführten Fußballerinnen einen historischen Tarifvertrag erstritten, der ihnen die gleiche Bezahlung garantiert. Die Sammelklage gegen den Verband wegen Diskriminierung war im März 2019 eingereicht worden.

Die DFB-Frauen wollen sich solchen Forderungen nicht anschließen. «Zur Wahrheit gehört auch, dass die Vermarktungserlöse von Männern und Frauen, aus denen sich auch die Turnierprämien ergeben, bei uns in der Bundesliga und den Nationalmannschaften extrem weit auseinanderliegen», sagt Voss-Tecklenburg.

Um das zu ändern, gibt es beim DFB das Projekt «Strategie 2027 - Frauen im Fußball.» In einer Arbeitsgruppe bringt sich inzwischen auch die Deutsche Fußball Liga ein, unter deren Dach der Männer-Profifußball seit vielen Jahren vermarktet wird, «um die Sichtbarkeit der höchsten Spielklasse der Frauen durch kommunikative Maßnahmen zu unterstützen.» Schult wünscht sich für die Bundesliga einen «schönen Zuschauerschnitt, sagen wir mal von 4000 Zuschauern pro Spiel». Meistens kommen nicht mal 1000.

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