07.07.2011 - 21:03 Uhr | News | Quelle: dpa
Doping-Skandal um Nordkorea - «Menschenverachtend»

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In der Nacht nach dem Doping-Skandal verließen Nordkoreas Fußballerinnen fluchtartig Deutschland - das dicke Ende könnte noch nachkommen. Nach zwei positiven Tests war die komplette Mannschaft des ausgeschiedenen Asienmeisters in Bochum zum Urintest verdonnert worden. In der WM-Geschichte ist diese «zielgerichtete Fahndung» ein Novum. Ein erster Schandfleck bei dem bisher so fröhlichen Turnier. Dennoch hat Theo Zwanziger eher Mitleid mit den Spielerinnen aus dem totalitären Staat.

«Dieser Vorfall unterstreicht den Eindruck von einem menschenverachtenden System in Nordkorea, in dem versucht wird, Sportler mit allen Mitteln zu Erfolgen zu führen. Erfolge, die dann für staatliche Propaganda missbraucht werden können», sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa.

«Das ist ein trauriger Tag, wir sind sehr bedrückt durch diese Tatsachen», meinte Jiri Dvorak, der Medizinische Direktor des Weltverbandes FIFA. Unmittelbar vor dem letzten Gruppenspiel am Mittwochabend gegen Kolumbien (0:0) waren die nordkoreanischen Abwehrspielerinnen Song Jong Sun und Jong Pok Sim (Foto) wegen positiver Dopingproben von der FIFA suspendiert worden.

Anschließend wurde die gesamte Mannschaft zur Kontrolle gebracht. Es war ein gespenstisches Bild, als 19 von der FIFA beauftragte junge Damen mit «Doping-Leibchen» nach dem Match aus dem Spielertunnel in den Innenraum des WM-Stadions kamen und wie Bodyguards die ebenso ratlos wie schüchtern wirkenden asiatischen Fußballerinnen einzeln zur Kontrolle führten.

Diese Maßnahme sieht laut Dvorak das Anti-Doping-Reglement vor. In Artikel 58 heißt es: Wenn mehr als eine Spielerin aus einem Team positiv auf verbotene Substanzen getestet wurde, müssen die anderen am Wettkampfort kontrolliert werden. Song Jong Sun und Jong Pok Sim waren nach FIFA-Angaben nach dem ersten und zweiten Gruppenspiel Nordkoreas gegen die USA (0:2) und Schweden (0:1) auffällig geworden.

Die Ergebnisse, die im WADA-Labor in Kreischa und im Institut für Biochemie in Köln ermittelt wurden, lagen erst am Mittwoch vor. «Es dauerte länger, weil das eine technisch aufwendige Untersuchung ist», meinte Dvorak. Offenbar gerade noch rechtzeitig, um entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Die beiden Spielerinnen standen auf der von Nordkoreas Coach Kim Kwang Mi freigegebenen ursprünglichen Startaufstellung für das Kolumbien-Spiel, die nach der Suspendierung wenige Minuten vor dem Anpfiff neu aufgelegt werden musste.

Details über die Substanzen, die in den Urinproben der Nordkoreanerinnen gefunden wurden, wollte Dvorak nicht preisgeben. «Die Analyse ergab, dass sie auf der Liste der verbotenen Substanzen stehen», erklärte der Chefmediziner. Seines Wissens sei es das erste Mal, dass bei einer Fußball-WM eine zielgerichtete Fahndung eingeleitet werden musste.

Am Donnerstag erklärte der Weltverband, weder das nordkoreanische Team noch die Spielerinnen hätten innerhalb der Zwölf-Stunden-Frist die Öffnung der B-Probe beantragt. Dies hat jedoch die FIFA getan. Vor Bekanntwerden der Ergebnisse will sie jedoch keine weiteren Stellungnahmen abgeben. Nach dpa-Informationen ist es gut möglich, dass die Ergebnisse der Proben der anderen 19 Kickerinnen erst nach dem WM-Finale am 17. Juli bekanntgegeben werden - auch wenn Dvorak sagte, die Proben würden so schnell wie möglich untersucht.

Für die deutsche Torhüterin Nadine Angerer kamen die positiven Tests nicht überraschend. «Vermutet hatten wir es schon lange. Aber solange kein Beweis da ist, darf man es ja nicht aussprechen», sagte die 32-Jährige.

Der DFB will trotz des Doping-Skandals seine Beziehungen zu dem isolierten Land ausbauen. «Dieser Vorfall ändert nichts an der Grundhaltung des DFB, dass ein politisches System wie in Nordkorea vor allem auch durch sportliche Begegnungen Stück für Stück aufgebrochen werden kann», sagte Präsident Zwanziger. «Diesbezüglich sind wir durch unsere Bemühungen vor und während der Weltmeisterschaft sicher ein Stück weitergekommen.»

Der DFB hatte am 2. April, als eine Delegation um Zwanziger, WM-OK-Präsidentin Steffi Jones und die Grünen-Parteivorsitzende Claudia Roth in Pjöngjang weilte, einen Kooperationsvertrag mit dem nordkoreanischen Fußball-Verband abgeschlossen. Zudem lud der DFB Nordkoreas Auswahl einige Tage vor der WM nach Leipzig ein und bezahlte teilweise deren Aufenthalt.

Sportpolitisch sieht sich der DFB auf einem guten Weg. «Das zeigen die humanitären Gesten der nordkoreanischen Regierung und die Einladung der US-amerikanischen Frauen-Nationalmannschaft nach Nordkorea, die der nordkoreanische Sportminister nach dem WM-Spiel in Dresden ausgesprochen hat», erklärte Zwanziger. Mit dem torlosen Ausscheiden in der Vorrunde und vor allem den positiven Dopingtests haben sich die Asiaten sportlich aber ins Abseits manövriert.