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10.09.2026 - 14:30 Uhr | News | Quelle: sd | von: Michael Paral
Valentina Pötzl – „Gott sei Dank habe ich nicht aufgehört!“

©IMAGO
Es gibt diesen einen Moment im Leben einer jeden Sportlerin, an dem sich alles entscheidet. Bei Valentina „Vali“ Pötzl fand dieser Moment nicht in einer klimatisierten Kabine oder im grellen Flutlicht eines Bundesligastadions statt. Er fand auf einem kleinen Dorfplatz in Eckartsau statt.
Vali ist schon als kleines Kind ein Wirbelwind, der ohnehin den ganzen Tag herumläuft und jede Sportart ausprobiert. Sie kickt bei den Burschen mit, läuft den Größeren hinterher, angefeuert von ihrem Bruder und ihrem Papa, der im Dorf als Trainer aktiv ist. Fußball ist damals einfach nur Freizeitspaß mit Freunden. Doch dann passiert das, was im Kinderfußball oft passiert: Ihre beste Freundin verliert die Lust und hört auf.
Für die achtjährige Vali bricht erstmal eine kleine Welt zusammen. Wenn die beste Freundin nicht mehr kickt, warum sollte sie es dann tun? Es folgen lange Diskussionen am Küchentisch. Vali will hinschmeißen. Doch ihr Vater schaut sie an und fragt geradeaus, ob sie eigentlich spinnt und jetzt wirklich aufhören will.
„Gott sei Dank habe ich nicht aufgehört“, sagt Vali heute mit einem Schmunzeln im Gesicht. Am nächsten Tag schnürt sie wieder ihre Fußballschuhe und geht ins Training. Es ist die erste große Weggabelung auf einer Reise, die sie nur wenig später ins Scheinwerferlicht des europäischen Fußballs führen soll.
Der tiefe Fall und der einsame Kampf zurück
Doch der Weg nach oben verläuft selten geradlinig. Nach den glücklichen Jahren in der Jugendauswahl und der Akademie folgt bei ihrem Bundesliga-Klub First Vienna FC der erste, brutale Rückschlag: ein Kreuzbandriss. Für eine junge, aufstrebende Spielerin bricht in diesem Moment eine Welt zusammen. „Bevor ich mir das Kreuzband gerissen habe, dachte ich immer, das wäre der schlimmste Moment für mich und ich könnte mir gar nicht vorstellen, ein Jahr lang nicht Fußball zu spielen“, erinnert sich Vali.
Die Realität der Rehabilitation in St. Pölten fordert ihr alles ab. Plötzlich besteht ihr Alltag nicht mehr aus Spielwitz und Kabinenscherzen, sondern aus einem starren, harten Rhythmus: erst Schule, dann direkt in die Fitnesshalle. Doch Vali hat Glück im Unglück. Ihre beste Freundin verletzt sich fast zeitgleich schwer an der Bandscheibe. Zusammen beißen sich die beiden durch die Reha. Vali lernt ihren eigenen Körper völlig neu kennen, feiert jeden kleinen Fortschritt und stemmt im Krafttraining Gewichte, von denen sie zuvor nur träumen konnte: „Ich glaube, ich habe noch nie so viel Gewicht bei Kniebeugen gestemmt wie in der Reha-Zeit“.
Die größte Herausforderung ist jedoch nicht physischer Natur. „Das Mentale war eigentlich das Härteste“, gesteht sie offen. Auf der Tribüne zu sitzen, den eigenen Freundinnen beim Kicken zuzuschauen und zu wissen, dass man selbst noch fünf oder sechs Monate lang zum Zusehen verdammt ist, zerreißt sie innerlich. In manchen Momenten wirkt der Gedanke, jemals wieder selbst auf diesem Rasen zu stehen, völlig surreal.
Doch diese dunkle Phase wird für die heute 17-Jährige zu einer Schule fürs Leben. Vali lernt, die vermeintlich einfachsten Dinge wieder tief zu schätzen: das pure Laufen, das schmerzfreie Spielen. Sie entdeckt, dass es auch eine Welt abseits des runden Leders gibt. Sie liest plötzlich viel, kocht gerne und verbringt Zeit mit Freunden abseits des Platzes. Es ist eine befreiende Erkenntnis für das junge Talent: „Wenn du dich so sehr in eine Sache reinsteigerst, macht dich das irgendwann extrem fertig. Deshalb ist es gut zu wissen, dass es auch etwas anderes gibt“.
Inspiration findet sie in dieser Zeit bei den erfahrenen Spielerinnen wie Ines Sarac, die sich selbst bereits dreimal nach einem Kreuzbandriss zurückgekämpft hatte, oder Lainie Fuchs. Heute spürt Vali beim Spielen keinerlei Probleme mehr, fast so, als wäre sie nie weggewesen. Und der Kreis schließt sich auf wunderbare Weise: Inzwischen ist Vali selbst zu einer mentalen Stütze und zum Vorbild für andere verletzte Spielerinnen wie Anna Osl geworden, die nach ihrer eigenen Knieverletzung zu Vali aufblickt und Kraft aus ihrer Geschichte schöpft.
Gänsehaut in Bosnien inklusive Karaoke
Das Highlight ihrer bisherigen Karriere folgte im Juli 2026. Die Hitze steht schwer über den Stadien in Bosnien und Herzegowina. Für Vali Pötzl ist es „die schönste Zeit bis jetzt in ihrer Karriere“. Sie genießt jede Sekunde, besonders weil eine Teilnahme aufgrund ihrer Verletzung lange nicht sicher schien. Vor jedem Anpfiff geht die 17-Jährige kurz in sich: „Danke, dass ich spielen darf“.
Es wird ein historischer Sommer. Das österreichische U19-Nationalteam wächst über sich hinaus. Nach dem Auftaktsieg gegen Island und einem überragenden Spiel gegen die Schweiz steht Österreich sensationell im Halbfinale.
Der absolute Gänsehaut-Moment folgt beim Auflaufen gegen Deutschland im Semifinale. Als die Nationalhymne durch das Grbavica Stadion in Sarajevo hallt, müssen Vali und ihre Mitspielerinnen die Tränen zurückhalten. Auch wenn das Spiel nach einem bitteren Kampf und von Krankheitsausfällen geschwächt verloren geht, bleibt der Stolz. Und ein ganz persönlicher Triumph: Vali wird als 17-Jährige neben den größten Talenten des Kontinents in das offizielle „Team des Turniers“ gewählt.
Doch die Magie dieses Sommers liegt nicht nur auf dem Platz. Sie liegt in den Momenten abseits des Rasens, die das Team zusammenschweißen wie eine Familie. Da ist zum Beispiel ein Brief, den Vali vor dem Turnier erhält. Die emotionalen Zeilen kommen von Torfrau Vivien Grabenhofer, die sich für Vali mitfreut, dass sie nun doch ihre EM spielen kann und ihr Mut zuspricht. Da ist der legendäre Karaoke-Abend, an dem Spielerinnen einen Tanz aufführen und selbst die Trainer plötzlich anfangen zu singen. „Das hat uns extrem zusammengeschweißt“, erinnert sich die 17-Jährige mit einem dicken Grinser im Gesicht.
Raus aus der Komfortzone, rein ins violette Herz
Als Vali aus Bosnien zurückkehrt, steht sie vor der nächsten großen Entscheidung. Eigentlich hatte sie geplant, nach ihrem mühsam überwundenen Kreuzbandriss noch ein weiteres Jahr beim First Vienna FC zu bleiben. Ein vertrautes Umfeld, um nach der langen Leidenszeit wieder Matchpraxis zu sammeln. Doch der Erfolg bei der Europameisterschaft hat etwas in ihr entfacht. Sie spürt: Sie ist bereit für den nächsten Schritt, auch wenn sie nervös ist und gehörigen Respekt davor hat.
„Was einen erfolgreich macht, ist, wenn du deine Komfortzone verlässt“, reflektiert sie heute. Vali verlässt ihre Komfortzone. Sie wechselt noch vor Saisonstart zum amtierenden Doublesieger FK Austria Wien.
Für Vali und ihren Papa ist dieser Transfer eine Herzensangelegenheit: Beide sind seit ihrer Kindheit glühende Austria-Fans. Aus dem kleinen Mädchen, das einst mit dem Papa auf der Tribüne saß, wird nun selbst eine violette Hoffnungsträgerin.
Der Einstieg verläuft rasant. Trotz der kurzen Vorbereitungszeit erkämpft sich das junge Talent sofort Einsatzzeiten im stark besetzten Kader. Beim Spiel gegen den SKN St. Pölten wird sie eingewechselt, kurz darauf darf sie international von Beginn an auflaufen. Vali spürt sofort das Vertrauen des Trainerteams und saugt die enorme Energie auf dem Platz förmlich auf.
Stolze Tränen und ab nach London
Und dann ist da wieder so ein magischer Abend, der die Grenzen des Vorstellbaren sprengt. Champions-League-Qualifikation gegen den norwegischen Spitzenklub SK Brann Bergen. Nach einer knappen Hinspiel-Niederlage ist das Team fest entschlossen, den Aufstieg zu schaffen. „Wir wussten einfach, was im Rückspiel drinnen ist“, beschreibt Vali den unerschütterlichen Glauben der Mannschaft.
Die Austria-Frauen spielen sich im Rückspiel in einen Rausch, agieren mutig nach vorne und fegen Brann mit 4:0 vom Platz. Als der Schlusspfiff ertönt, bricht im Stadion purer Jubel aus. Vali ist fassungslos, den Tränen nahe. „Ich war kurz vor den Tränen, aber dann war es doch so viel auf einmal. Ich kann es noch gar nicht Worte fassen, weil ich es selbst noch nicht realisiert habe“, erzählt die Niederösterreicherin.
Wenig später erfährt sie von einer Freundin das schönste Detail dieses geschichtsträchtigen Triumphs. Ihr Papa stand auf der Tribüne, und ihm liefen Tränen der Rührung und des Stolzes über die Wangen. Vom Gespräch übers Hinschmeißen am Küchentisch in Eckartsau bis zur großen europäischen Bühne. Gut, dass sich in der Diskussion damals der Papa durchgesetzt hat!
Die Belohnung für diesen historischen Erfolg folgt prompt bei der Auslosung der Champions-League-Ligaphase. Die Austria zieht ein Hammerlos nach dem anderen. Zwei Gegner stechen aber besonders heraus. FC Bayern München und FC Chelsea. Als der Name Chelsea aufleuchtet, flippen Vali und ihre Eltern zu Hause komplett aus. Denn Chelsea ist nicht irgendein Verein, es ist Valis absoluter Traumverein, seit sie ein kleines Mädchen war. Nun wird sie tatsächlich gegen den legendären Londoner Verein auflaufen.
Ein Blick zurück auf die Tribüne
Vom kleinen Dorfplatz in Eckartsau bis zur Champions League ist es ein weiter Weg. Für Vali Pötzl begann er mit einem achtjährigen Mädchen, das für einen kurzen Moment aufhören wollte.
Wenn die 17-jährige Vali heute die Augen schließt und an das kleine Mädchen zurückdenkt, das damals nach Niederlagen in der U7 bitterlich weinte, hat sie eine klare Botschaft an ihr jüngeres Ich: „Gut, dass du nicht aufgehört hast“.
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