18.08.2011 - 23:15 Uhr | News | Quelle: Soccerdonna | von: Christoph Mulitze
Anne van Bonn: «Ich hatte den Spaß am Fußball verloren»

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Die Defensiv-Spezialistin Anne van Bonn wechselte nach zehn Jahren beim FCR 2001 Duisburg in diesem Sommer zum Aufsteiger 1. FC Lokomotive Leipzig. Der Spielplan will es so, dass am kommenden Sonntag beide Mannschaften bereits am ersten Spieltag aufeinandertreffen. Im Gespräch mit Christoph Mulitze sagte die 25-Jährige, warum sie in diesem Spiel mit einer Leipziger Niederlage rechnet, was von ihrem neuen Team zu erwarten ist und wie genau sie als Kind die Anweisung zur Manndeckung nahm.

Soccerdonna.de: Hallo Frau van Bonn, Sonntag geht’s mit Ihrem neuen Verein Lok Leipzig zum Saisonauftakt nach Duisburg zu Ihrem alten Klub FCR. Sind Sie schon nervös?

Anne van Bonn: Ich bin vor jedem Spiel aufgeregt. Kann sein, dass ich diesmal besonders nervös bin. Für mich ist das ein sehr emotionales Spiel. Meine Familie wird da sein, und mich verbindet Vieles mit Duisburg.

Soccerdonna.de: Wie haben Sie vom Spielplan erfahren?

Anne van Bonn: Im Auto beim Umzug nach Leipzig. Ich war schockiert. Ich hätte mir lieber drei, vier leichtere Spiele zum Auftakt gewünscht, damit die Mannschaft sich etwas an das höhere Niveau und die Schnelligkeit gewöhnen kann.

Soccerdonna.de: Erinnern Sie sich an den 15. August 2010?

Anne van Bonn: Hm. Das ist genau ein Jahr her. Keine Ahnung, was war da?

Soccerdonna.de: Da hatte der FCR Duisburg am ersten Spieltag den Aufsteiger Bayer Leverkusen zu Gast ...

Anne van Bonn: ... und 9:0 gewonnen. Ja, jetzt erinnere ich mich. Ich stand damals in der Startelf.

Soccerdonna.de: Was muss Lok Leipzig tun, um als Aufsteiger in Duisburg nicht genauso unter die Räder zu kommen?

Anne van Bonn: Ich denke, wir müssen als kämpferische, geschlossene Einheit auftreten. Auch wenn wir früh das 0:1 kassieren, dürfen wir nicht auseinanderbrechen, sondern müssen diszipliniert weiterspielen. Vor allem dürfen wir nicht ins offene Messer laufen.

Soccerdonna.de: In dieser Woche sind Sie doch bestimmt die wichtigste Ansprechpartnerin Ihrer Trainerin Claudia von Lanken.

Anne van Bonn: Sicherlich kann ich zahlreiche Tipps geben und über Stärken und Schwächen reden.

Soccerdonna.de: Wo liegen denn die Stärken und Schwächen des Gegners?

Anne van Bonn: Duisburg ist in der ersten Elf in der Breite gut aufgestellt. Ich will nicht zu viel verraten, aber die Stärke ist sicher die Offensive. In der Abwehr kenne ich einige Schwächen, die man gezielt ausnutzen kann.

Soccerdonna.de: So wird für Leipzig was zu holen sein?

Anne van Bonn: Es muss schon alles zusammenpassen, und Duisburg darf nicht den besten Tag erwischen, dann ist es machbar, dort einen Punkt zu holen. Aber wir sind realistisch genug, um zu wissen, dass wir unterlegen sind. In solchen Spielen zahlt man als Neuling auch mal Lehrgeld, aber wir werden auch von einer Niederlage profitieren und aus den Erfahrungen lernen. Duisburg wird ein hohes Tempo vorlegen.

Soccerdonna.de: Und am zweiten Spieltag empfängt Lok Leipzig den Titelfavoriten aus Frankfurt ...

Anne van Bonn: Ja, das ist ein hartes Auftaktprogramm. Aber vielleicht ist das auch gar nicht schlecht. Gegen Duisburg und Frankfurt müssen wir nichts holen. Aber wir sehen gleich zu Saisonbeginn, was in der Bundesliga verlangt wird. Mit dieser Erkenntnis geht’s dann gegen unsere eigentlichen Gegner, und die heißen zum Beispiel Jena, Freiburg und Essen. Das sind die wichtigen Spiele, da müssen wir punkten.

Soccerdonna.de: Haben Sie für Montag Sonderurlaub beantragt, um einen Tag bei Ihrer Familie zu bleiben?

Anne van Bonn: Nein, ich habe nicht vor, Sonderurlaub zu nehmen, sondern ich werde am Freitag nach dem Abschlusstraining zu meiner Familie an den Niederrhein fahren. Samstag, wenn die Mannschaft im Hotel ankommt, stoße ich dazu. Sonntag geht es direkt nach dem Spiel dann mit dem Mannschaftsbus zurück nach Leipzig.

Soccerdonna.de: Sie sind auf ungewöhnliche Weise zum Fußball gekommen. Erzählen Sie mal.

Anne van Bonn: Mein Bruder, der zwei Jahre älter ist als ich, spielte auf einem Turnier, als ich vier Jahre alt war. Da seine Mannschaft zu wenige Spieler hatte, fragte der Trainer meine Eltern, ob ich nicht mitspielen wolle. Ich wollte, obwohl ich gar nicht wusste, worum es ging. Der Trainer sagte mir, ich solle einem größeren Spieler des Gegners nicht von der Seite weichen. Diesen Job nahm ich so ernst, dass ich dem Jungen in der Halbzeit bis in die Kabine und aufs Klo folgte (lacht). Ich kam zwar nicht ein Mal an den Ball, aber mir gefiel das Spiel so gut, dass ich in Geldern sofort in den Fußballverein eingetreten bin.

Soccerdonna.de: Wie wurden die Verantwortlichen des FCR Duisburg später auf die resolute Manndeckerin vom Niederrhein aufmerksam?

Anne van Bonn: Ich wurde früh in Auswahlmannschaften eingeladen. Da sind auch immer Scouts der Bundesligavereine, um an junge Talente zu kommen. Die ersten Angebote von Duisburg und Essen bekamen meine Eltern, als ich zwölf war. Das habe ich aber erst zwei Jahre später erfahren. Wir haben uns dann beraten, und ich habe mich entschieden, ein Jahr später, also mit 15, nach Duisburg zu wechseln. Bis zu diesem Alter konnte ich in Geldern mit den Jungs im Verein kicken.

Soccerdonna.de: Sie spielten zehn Jahre in Duisburg. Warum haben Sie sich jetzt dazu entschieden, den Verein zu wechseln?

Anne van Bonn: Ich hatte die letzten anderthalb Jahre den Spaß am Fußball verloren. Ich wollte eigentlich sogar schon früher weg, aber das klappte nicht. Nun war mein Vertrag abgelaufen, und es kam das Angebot aus Leipzig.

Soccerdonna.de: Aber von einem Meisterschaftskandidaten zu einem Aufsteiger – musste das sein?

Anne van Bonn: Mir ist es nicht wichtig, ob ich um die Meisterschaft mitspiele. Ich will, dass man mir wieder vertraut, ich will wieder in der ersten Elf stehen. Das Gefühl, dass man fest auf mich setzt, kannte ich aus Duisburg nicht mehr. In Leipzig bin ich auch als erfahrene Führungsspielerin gefragt. Das ist eine ganz neue Herausforderung für mich, weil ich mich dadurch nicht nur sportlich, sondern auch persönlich weiterentwickeln kann.

Soccerdonna.de: Lok Leipzig hat sich gezielt verstärkt: Vor allem mit Ihnen, Ann-Katrin Schinkel, Angelina Lübcke und Jobina Lahr kommt Bundesligaerfahrung, mit Katrin Patzke die Top-Torjägerin aus der 2. Liga, mit Gäelle Thalmann eine schweizerische Nationaltorhüterin und mit der 16-jährigen Lyn Meyer ein großes Sturmtalent von Turbine Potsdam. Wie sehen Sie die Chancen für Leipzig in dieser Saison?

Anne van Bonn: Unser Ziel ist der Klassenerhalt. Der ist machbar, sonst hätten wir alle hier nicht unterschrieben.

Soccerdonna.de: Wie wird Leipzig spielen, was können die Zuschauer erwarten?

Anne van Bonn: Wir bieten Leidenschaft, Kampf und Zusammenhalt und werden in jedem Spiel 110 Prozent geben. Spielerisch können wir sicher nicht mit den Top-Klubs mithalten, aber wir werden auch nicht schlechter sein als die Konkurrenz um den Klassenerhalt.

Soccerdonna.de: Wer wird die direkte Konkurrenz um den Klassenerhalt sein?

Anne van Bonn: Da sehe ich vor allem den FF USV Jena und den anderen Aufsteiger SC Freiburg, aber auch die SG Essen-Schönebeck. Vielleicht kommt auch der Hamburger SV dazu, der wichtige Abgänge verkraften muss, und möglicherweise der SC Bad 07 Neuenahr.

Soccerdonna.de: Spüren Sie etwas von einer Lust der Leipziger auf die Frauen-Bundesliga?

Anne van Bonn: Das Interesse ist da, auch die Medien berichten recht umfangreich. Wichtig ist unser erstes Heimspiel gegen den 1. FFC Frankfurt. Das wird schon ordentlich beworben. Wenn wir da 1000 Zuschauer haben, wäre das toll. Diese dürfen wir dann natürlich nicht enttäuschen. Im Umfeld tut sich hier sehr viel. Es entstehen professionelle Strukturen, es gibt seit einem Jahr ein Landesleistungszentrum, und wir bekommen eine schöne neue Sportanlage mit zwei Rasen- und zwei Kunstrasenplätzen.

Soccerdonna.de: Ganz allgemein: Was wünschen Sie sich von der kommenden Saison?

Anne van Bonn: Ich wünsche mir, dass die Entscheidungen an der Spitze und im Abstiegskampf nicht frühzeitig fallen. Es sollte lange spannend bleiben, am besten bis zum letzten Spieltag. Es wäre gut, wenn die Leistungsdichte der Teams größer würde, es sollte mehr enge Spiele und keine allzu hohen Siege geben. Spielerisch fand ich die vergangene Saison schon gut, dies sollte so bleiben. Gleiches gilt für die Zuschauerresonanz.

Soccerdonna.de: Wer sind Ihre Titelfavoriten?

Anne van Bonn: Mein Favorit ist der 1. FFC Frankfurt. Die Mannschaft hat eine super Mischung aus Talent und Erfahrung. Dahinter erwarte ich Turbine Potsdam, FCR Duisburg und den VfL Wolfsburg. Überraschen könnte eventuell Bayern München.

Soccerdonna.de: Vielen Dank für das Gespräch, Frau van Bonn, und viel Erfolg in Leipzig.

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