07.04.2026 - 12:00 Uhr | News | Quelle: sd | von: Emilie Bitsch
Begüm Üresin: “Für mich steht die Entwicklung der Spielerinnen über dem Ergebnis”

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Begüm Üresin gehört zu den prägendsten Trainerinnen im türkischen Frauenfußball und das trotz eines ungewöhnlichen Karriereverlaufs. Über Jahre hinweg arbeitete sie sich beim türkischen Fußballverband Schritt für Schritt nach oben, trainierte weibliche Nachwuchs-Nationalteams von der U15 bis zur U23 und stand schließlich auch an der Seitenlinie der Frauen-A-Nationalmannschaft.

Als eine der ersten Trainerinnen des Landes mit der höchsten Trainerlizenz, der UEFA-Pro-Lizenz, hat sie die Entwicklung des Frauenfußballs in der Türkei aus nächster Nähe begleitet und mitgestaltet. Gleichzeitig steht sie exemplarisch für die Herausforderungen, mit denen Trainerinnen in einem nach wie vor männerdominierten Umfeld konfrontiert sind.

Im Interview spricht Üresin über ihren Weg, strukturelle Defizite im türkischen Frauenfußball, ihre Arbeit mit jungen Spielerinnen und darüber, warum Entwicklung für sie wichtiger ist als Ergebnisse.


Soccerdonna: Sie haben viele Jahre in unterschiedlichen Rollen beim türkischen Fußballverband gearbeitet. Wie würden Sie Ihren bisherigen Weg im Frauenfußball beschreiben?



Begüm Üresin: Ich habe wirklich ganz unten angefangen und mich Schritt für Schritt hochgearbeitet. Ich war von Beginn an im Nachwuchsbereich aktiv und habe mit sehr jungen Altersklassen gearbeitet, bevor ich nach und nach mehr Verantwortung übernommen habe, bis hin zur A-Nationalmannschaft.

Mir war es immer wichtig, alle Bereiche kennenzulernen. Deshalb habe ich viele Praktika gemacht und bewusst versucht, so viel Erfahrung wie möglich zu sammeln. Dieser Weg war nicht einfach, aber er hat mir geholfen, ein tiefes Verständnis für den Fußball zu entwickeln. Gerade, weil eben der Fußball, vor allem im Trainerbereich, sehr männerdominiert ist.

Ich war mehrere Jahre für den Verband tätig, auch schon in relativ jungen Jahren. Wenn ich heute zurückblicke, bin ich stolz auf diesen Weg. Gleichzeitig ist es für mich schwer nachzuvollziehen, dass ich aktuell trotz meiner Erfahrung und meiner höchsten Trainerlizenz keine passende Position finde.



Soccerdonna: Was hat Sie ursprünglich dazu motiviert, Trainerin zu werden und speziell im Frauenfußball zu arbeiten?



Begüm Üresin: Ich war schon immer in den Fußball verliebt. Für mich gab es nie wirklich eine Alternative. Irgendwann war mir klar, dass ich meine Erfahrungen weitergeben möchte.

Gerade im Frauenfußball sehe ich eine große Aufgabe. Es geht nicht nur um sportliche Entwicklung, sondern auch darum, Spielerinnen auf ihrem Weg im Leben zu begleiten. Mein Ziel ist es immer, dass sie auf und neben dem Platz auf eigenen Beinen stehen können.



Soccerdonna: Was hat Ihr Umfeld dazu gesagt?



Begüm Üresin: Am Anfang war mein Umfeld eher kritisch. Meine Mutter wollte, dass ich einen sicheren Beruf ergreife, zum Beispiel Lehrerin werde. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ich es im Fußball so weit bringe.

Heute ist das ganz anders. Sie ist sehr stolz auf mich und hat mir auch gesagt, dass sie mich von Anfang an stärker unterstützt hätte, wenn sie gewusst hätte, welchen Weg ich gehe. Das bedeutet mir sehr viel und gibt mir zusätzliche Motivation.



Soccerdonna: Sie haben verschiedene Nachwuchs-Nationalteams von der U15 bis zur U23 trainiert. Worin liegen für Sie die größten Unterschiede in der Arbeit mit diesen Altersklassen?



Begüm Üresin: Zwischen zwölf und 23 Jahren passiert extrem viel. Das ist eine Phase, in der sich Spielerinnen körperlich, mental und emotional stark verändern, vor allem hormonell bedingt. In den jüngeren Altersklassen geht es viel um Grundlagen und Entwicklung. Später kommen taktische Inhalte, Spielverständnis und individuelle Förderung stärker dazu. Gleichzeitig spielen Themen wie Ernährung oder mentale Stabilität eine immer größere Rolle.

In der Türkei ist das besonders herausfordernd, weil viele dieser Bereiche nicht ausreichend abgedeckt sind. Als Trainerin übernimmt man deshalb oft auch Aufgaben, die über den Fußball hinausgehen.



Soccerdonna: Welche Eigenschaften müssen junge Spielerinnen mitbringen?



Begüm Üresin: Neben Talent sind Disziplin, Wille und Lernbereitschaft entscheidend. Sie müssen aus ihrer Komfortzone raus und Dinge wagen. Außerhalb des Trainings müssen sie auch eigenständig was machen, sei es selbst trainieren oder mehr Spiele anschauen, um Abläufe zu verinnerlichen.



Soccerdonna: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Auf welchen Moment oder Erfolg sind Sie besonders stolz?



Begüm Üresin: Für mich sind es weniger einzelne Ergebnisse. Natürlich sind Aufstiege oder gute Turniere wichtig, aber am meisten erfüllt es mich, wenn ich die Entwicklung von Spielerinnen sehe.

Wenn ich heute den Fernseher einschalte und sehe, dass ehemalige Spielerinnen von mir aus den Nachwuchsteams bei großen Vereinen spielen oder auf internationalem Niveau in der Startelf stehen, wie Ece Tekmen, Elif Keskin oder Ece Türkoğlu macht mich das unglaublich stolz. Das zeigt mir, dass die Arbeit nachhaltig war.



Soccerdonna: Sie waren Teil der Entwicklung, durch die türkische Nachwuchsteams von Liga B in Liga A aufgestiegen sind. Was waren die entscheidenden Faktoren?



Begüm Üresin: Wir haben sehr intensiv gearbeitet, sowohl im Training als auch in der Analyse. Es ging darum, den Spielerinnen klare Strukturen zu geben und sie individuell weiterzuentwickeln.

Ein wichtiger Punkt war auch die Beziehung zu den Spielerinnen. Für mich endet die Zusammenarbeit nicht nach einem Lehrgang. Ich habe immer versucht, den Kontakt zu halten und sie langfristig zu begleiten. Im jungen Alter brauchen sie Bezugspersonen und dafür war ich da.

Der wohl wichtigste Faktor war, dass wir viele Trainingscamps und Testspiele gemacht haben. Die Mädchen haben in ihren Vereinen kaum Spielpraxis erhalten und wir mussten sie erstmal auf ein gewisses Fitnessniveau bringen. Dafür bin ich dem gesamten Trainerteam dankbar, für die gute Zusammenarbeit.



Soccerdonna: Wieso bekamen die Spielerinnen wenig Spielpraxis in ihren Vereinen?



Begüm Üresin: Damals gab es keine Juniorinnen-Liga. Heißt, die Mädchen haben in Vereinen einfach so trainiert. Mittlerweile gibt es eine U15-Istanbul-Liga, bei der Mannschaften aus ganz Istanbul gegeneinander antreten. Wenn du aber außerhalb von Istanbul wohnst und keine Möglichkeiten hast, dahin zu pendeln, hast du verloren.

Eine weitere Möglichkeit gibt es durch das Mitspielen bei den männlichen Nachwuchsteams. Aber da gibt es ab 16 Jahren einen zu großen Unterschied in der Physis, dass viele Mädchen aufhören. Auch die Vorurteile spielen hier eine große Rolle.



Soccerdonna: Dann kommen wir direkt zur Entwicklung des Frauenfußballs in der Türkei. Wie würden Sie diese in den letzten fünf bis zehn Jahren beschreiben?



Begüm Üresin: Es gibt Fortschritte, aber sie sind nicht so groß, wie sie sein könnten. Das größte Problem ist weiterhin die Infrastruktur. Das sieht man bei der FIFA-Weltrangliste. Die Türkei war vor fünf Jahren noch auf Platz 66, jetzt sind wir auf Platz 55 aufgestiegen. Es geht voran, aber zu langsam.

Eine negative Entwicklung ist hier aber, dass immer mehr Frauenclubs insolvent gehen. In der ersten türkischen Liga, der Süper Ligi, haben zwei bereits während der laufenden Saison die Mannschaft zurückgezogen. Auch in der 2. Liga gehen viele insolvent, wodurch in der Ersten keiner absteigt.

Die Qualitätsspanne ist außerdem zu groß. Die Big-Five-Clubs mit Galatasaray, Besiktas, Trabzonspor, Fenerbahçe und ABB Fomget gewinnen wöchentlich hoch gegen die kleineren Clubs.



Soccerdonna: Woran liegt es, dass Fortschritte langsamer sind?



Begüm Üresin: Ein zentraler Punkt ist, dass zu wenig in den Nachwuchs investiert wird. Viele Vereine setzen nicht früh genug an, und es fehlt an stabilen Ligen und regelmäßigen Spielen. Dadurch fangen Mädchen zu spät an und es fehlt ihnen die Erfahrung. Der Spagat ist dann zu groß, um an die anderen anzuknüpfen.

Der finanzielle Aspekt in der Türkei spielt immer eine große Rolle. Im Rahmen des vom TFF veröffentlichten strategischen Plans gibt es Fortschritte, aber im Vergleich zu Europa hinken wir noch hinterher. TFF möchte nicht in die Arbeit der Mannschaften eingreifen, da da vor allem das Problem mit den Amateurverträgen herrscht. Diese sind inoffiziell und die Frauen erhalten dadurch zu wenig oder auch manchmal gar kein Geld.



Soccerdonna: Wo sehen Sie die größten Defizite im Vergleich zu anderen europäischen Ländern?



Begüm Üresin: Der Unterschied liegt vor allem in der Struktur. In vielen europäischen Ländern gibt es klare Ligensysteme, bessere Trainingsbedingungen und eine kontinuierliche Förderung.



Soccerdonna: Wie wichtig sind Nachwuchsprojekte für die Zukunft?



Begüm Üresin: Sie sind entscheidend. Es gab bereits Projekte, bei denen Talente früh erkannt und gefördert wurden, wie das “Fußball-Dorf”. Man ist durch die Türkei gereist und hat sich die Talente angeschaut. Dies war mit Geld verbunden, anfangs hatte der TFF einen Sponsor, der aber währenddessen abgesprungen war. Aktuell läuft das Projekt dank der Unterstützung von Ülker, einem türkischen Lebensmittelkonzern, weiter. Wir haben dadurch viele aktuelle Nationalspielerinnen gefunden, wie Tekmen oder Keskin. Solche Projekte brauchen wir unbedingt. Es sollte nicht sein, dass es aufgrund des Geldes scheitert.

Der Verband muss den Fokus stärker auf den Nachwuchs legen. Ohne eine stabile Basis wird sich der Frauenfußball langfristig nicht weiterentwickeln.



Soccerdonna: Um wieder zu Ihnen zu kommen. Wie würden Sie Ihre Trainerinphilosophie beschreiben?



Begüm Üresin: Ich bin auf dem Platz sehr diszipliniert und fordere viel, aber außerhalb des Platzes ist mir der menschliche Umgang extrem wichtig.

Ich habe am Anfang versucht, mehr Distanz zu halten und war sehr ergebnisorientiert, aber das hat sich für mich nicht richtig angefühlt. Gerade in der Türkei brauchen viele Spielerinnen auch Unterstützung außerhalb des Fußballs.

Deshalb ist es mir wichtig, eine enge Beziehung aufzubauen. Viele Spielerinnen melden sich noch Jahre später bei mir. Das zeigt mir, wie wichtig dieser Ansatz ist.



Soccerdonna: Sie haben bereits auf vielen Ebenen im türkischen Fußball gearbeitet. Wie sieht Ihr persönlicher nächster Karriereschritt aus? Reizt Sie eher eine Rolle im Vereinsfußball oder weiterhin die Arbeit im Verband?



Begüm Üresin: Beides wäre für mich eine große Ehre zu arbeiten. Es ist klar, dass beide Rollen unterschiedliche Arbeitsabläufe haben, ich habe bereits beides kennengelernt. Ich lass es auf mich zukommen und schaue, was im Endeffekt für mich passt.

Mein Ziel ist es, mich weiterzuentwickeln und gleichzeitig etwas zurückzugeben, zum Beispiel, indem ich andere Trainerinnen unterstütze oder begleite.



Soccerdonna: Was zeichnet Ihre Spielidee aus?



Begüm Üresin: Mir ist wichtig, dass meine Mannschaft gut organisiert ist. Jede Spielerin muss wissen, was ihre Aufgabe ist und wo sie stehen muss. Jede Spielerin hat die maximale Verantwortung für ihre Position. Ich brauche nicht die weltbesten Spielerinnen, solange das Mannschaftsgefüge stimmt, kann man jede Mannschaft schlagen. Auch wenn man spielentscheidende Spielerinnen hat, sollte darauf nicht der Fokus liegen.

Ich arbeite viel an Laufwegen und an klaren Abläufen. Auch Trainingsformen ohne Gegner, zum Beispiel, um Bewegungen und Positionen zu automatisieren, spielen dabei eine Rolle. Ich möchte, dass meine Teams mit hohem Tempo spielen und diszipliniert auftreten. Wenn alle Abläufe funktionieren, kann man auch gegen stärkere Gegner bestehen. Im Endeffekt sollte man meine Handschrift sehen, die ich auf die Mannschaft aufdrücke.



Soccerdonna: Zu einem etwas persönlichen Thema. Sie arbeiten mit dem Berater Okcan Tekdemir zusammen – wie kam es dazu?



Begüm Üresin: 2020 haben wir uns das erste Mal gesehen. Wir haben uns über einen längeren Zeitraum kennengelernt und schnell gemerkt, dass wir die gleiche Vision haben. Es ging nicht nur um Fußball, sondern auch um Werte und den Umgang mit Spielerinnen. Ihm hat mein Coaching gut gefallen und so kam es, dass wir nun seit sechs Jahren Weggefährte sind.



Soccerdonna: Was hat die Zusammenarbeit verändert?



Begüm Üresin: Er hat meinen Blick erweitert. Ich habe mich früher sehr auf die Türkei konzentriert, aber inzwischen denke ich internationaler.

Gemeinsam überlegen wir auch, welche nächsten Schritte sinnvoll sind, zum Beispiel Erfahrungen im Ausland zu sammeln oder neue Projekte anzustoßen. Wir wollen aber vor allem den Frauenfußball in der Türkei verändern. Spielerinnen müssen geschützt und die “schwarzen Schafe" im System aussortiert werden.



Soccerdonna: Welche Vision haben Sie für die Zukunft?



Begüm Üresin: Ich wünsche mir, dass mehr Spielerinnen im Ausland spielen und dort Erfahrungen sammeln. Das bringt ein anderes Niveau und hilft auch der Nationalmannschaft.

Die Türkei ist ein sehr talentiertes Land, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Dieses Potenzial müssen wir besser nutzen. Da brauchen wir aber starke Unterstützung vom TFF, sonst funktioniert das nicht.





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