- Startseite
- Was passiert heute
- Detailsuche
- Bundesliga
- 2.Bundesliga
- Champions League
- CL-Quali
- DFB-Pokal
- Alle Wettbewerbe
- Nationalteams
- Regionalligen
- Besucherzahlen
- Top-Marktwerte
- Transferrekorde
Social Media
Begüm Üresin: “Für mich steht die Entwicklung der Spielerinnen über dem Ergebnis”
Foren - Diskussionsforen - News-Forum - Begüm Üresin: “Für mich steht die Entwicklung der Spielerinnen über dem Ergebnis”
| Begüm Üresin: “Für mich steht die Entwicklung der Spielerinnen über dem Ergebnis” | Startbeitrag 07.04.2026 - 12:15 |
|---|
|
emiliebitsch
Beiträge: 0 IP: logged |
Begüm Üresin gehört zu den prägendsten Trainerinnen im türkischen Frauenfußball und das trotz eines ungewöhnlichen Karriereverlaufs. Über Jahre hinweg arbeitete sie sich beim türkischen Fußballverband Schritt für Schritt nach oben, trainierte weibliche Nachwuchs-Nationalteams von der U15 bis zur U23 und stand schließlich auch an der Seitenlinie der Frauen-A-Nationalmannschaft. Als eine der ersten Trainerinnen des Landes mit der höchsten Trainerlizenz, der UEFA-Pro-Lizenz, hat sie die Entwicklung des Frauenfußballs in der Türkei aus nächster Nähe begleitet und mitgestaltet. Gleichzeitig steht sie exemplarisch für die Herausforderungen, mit denen Trainerinnen in einem nach wie vor männerdominierten Umfeld konfrontiert sind. Im Interview spricht Üresin über ihren Weg, strukturelle Defizite im türkischen Frauenfußball, ihre Arbeit mit jungen Spielerinnen und darüber, warum Entwicklung für sie wichtiger ist als Ergebnisse. Soccerdonna: Sie haben viele Jahre in unterschiedlichen Rollen beim türkischen Fußballverband gearbeitet. Wie würden Sie Ihren bisherigen Weg im Frauenfußball beschreiben? Begüm Üresin: Ich habe wirklich ganz unten angefangen und mich Schritt für Schritt hochgearbeitet. Ich war von Beginn an im Nachwuchsbereich aktiv und habe mit sehr jungen Altersklassen gearbeitet, bevor ich nach und nach mehr Verantwortung übernommen habe, bis hin zur A-Nationalmannschaft. Soccerdonna: Was hat Sie ursprünglich dazu motiviert, Trainerin zu werden und speziell im Frauenfußball zu arbeiten? Begüm Üresin: Ich war schon immer in den Fußball verliebt. Für mich gab es nie wirklich eine Alternative. Irgendwann war mir klar, dass ich meine Erfahrungen weitergeben möchte. Soccerdonna: Was hat Ihr Umfeld dazu gesagt? Begüm Üresin: Am Anfang war mein Umfeld eher kritisch. Meine Mutter wollte, dass ich einen sicheren Beruf ergreife, zum Beispiel Lehrerin werde. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ich es im Fußball so weit bringe. Soccerdonna: Sie haben verschiedene Nachwuchs-Nationalteams von der U15 bis zur U23 trainiert. Worin liegen für Sie die größten Unterschiede in der Arbeit mit diesen Altersklassen? Begüm Üresin: Zwischen zwölf und 23 Jahren passiert extrem viel. Das ist eine Phase, in der sich Spielerinnen körperlich, mental und emotional stark verändern, vor allem hormonell bedingt. In den jüngeren Altersklassen geht es viel um Grundlagen und Entwicklung. Später kommen taktische Inhalte, Spielverständnis und individuelle Förderung stärker dazu. Gleichzeitig spielen Themen wie Ernährung oder mentale Stabilität eine immer größere Rolle. Soccerdonna: Welche Eigenschaften müssen junge Spielerinnen mitbringen? Begüm Üresin: Neben Talent sind Disziplin, Wille und Lernbereitschaft entscheidend. Sie müssen aus ihrer Komfortzone raus und Dinge wagen. Außerhalb des Trainings müssen sie auch eigenständig was machen, sei es selbst trainieren oder mehr Spiele anschauen, um Abläufe zu verinnerlichen. Soccerdonna: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Auf welchen Moment oder Erfolg sind Sie besonders stolz? Begüm Üresin: Für mich sind es weniger einzelne Ergebnisse. Natürlich sind Aufstiege oder gute Turniere wichtig, aber am meisten erfüllt es mich, wenn ich die Entwicklung von Spielerinnen sehe. Soccerdonna: Sie waren Teil der Entwicklung, durch die türkische Nachwuchsteams von Liga B in Liga A aufgestiegen sind. Was waren die entscheidenden Faktoren? Begüm Üresin: Wir haben sehr intensiv gearbeitet, sowohl im Training als auch in der Analyse. Es ging darum, den Spielerinnen klare Strukturen zu geben und sie individuell weiterzuentwickeln. Soccerdonna: Wieso bekamen die Spielerinnen wenig Spielpraxis in ihren Vereinen? Begüm Üresin: Damals gab es keine Juniorinnen-Liga. Heißt, die Mädchen haben in Vereinen einfach so trainiert. Mittlerweile gibt es eine U15-Istanbul-Liga, bei der Mannschaften aus ganz Istanbul gegeneinander antreten. Wenn du aber außerhalb von Istanbul wohnst und keine Möglichkeiten hast, dahin zu pendeln, hast du verloren. Soccerdonna: Dann kommen wir direkt zur Entwicklung des Frauenfußballs in der Türkei. Wie würden Sie diese in den letzten fünf bis zehn Jahren beschreiben? Begüm Üresin: Es gibt Fortschritte, aber sie sind nicht so groß, wie sie sein könnten. Das größte Problem ist weiterhin die Infrastruktur. Das sieht man bei der FIFA-Weltrangliste. Die Türkei war vor fünf Jahren noch auf Platz 66, jetzt sind wir auf Platz 55 aufgestiegen. Es geht voran, aber zu langsam. Soccerdonna: Woran liegt es, dass Fortschritte langsamer sind? Begüm Üresin: Ein zentraler Punkt ist, dass zu wenig in den Nachwuchs investiert wird. Viele Vereine setzen nicht früh genug an, und es fehlt an stabilen Ligen und regelmäßigen Spielen. Dadurch fangen Mädchen zu spät an und es fehlt ihnen die Erfahrung. Der Spagat ist dann zu groß, um an die anderen anzuknüpfen. Soccerdonna: Wo sehen Sie die größten Defizite im Vergleich zu anderen europäischen Ländern? Begüm Üresin: Der Unterschied liegt vor allem in der Struktur. In vielen europäischen Ländern gibt es klare Ligensysteme, bessere Trainingsbedingungen und eine kontinuierliche Förderung. Soccerdonna: Wie wichtig sind Nachwuchsprojekte für die Zukunft? Begüm Üresin: Sie sind entscheidend. Es gab bereits Projekte, bei denen Talente früh erkannt und gefördert wurden, wie das “Fußball-Dorf”. Man ist durch die Türkei gereist und hat sich die Talente angeschaut. Dies war mit Geld verbunden, anfangs hatte der TFF einen Sponsor, der aber währenddessen abgesprungen war. Aktuell läuft das Projekt dank der Unterstützung von Ülker, einem türkischen Lebensmittelkonzern, weiter. Wir haben dadurch viele aktuelle Nationalspielerinnen gefunden, wie Tekmen oder Keskin. Solche Projekte brauchen wir unbedingt. Es sollte nicht sein, dass es aufgrund des Geldes scheitert. Soccerdonna: Um wieder zu Ihnen zu kommen. Wie würden Sie Ihre Trainerinphilosophie beschreiben? Begüm Üresin: Ich bin auf dem Platz sehr diszipliniert und fordere viel, aber außerhalb des Platzes ist mir der menschliche Umgang extrem wichtig. Soccerdonna: Sie haben bereits auf vielen Ebenen im türkischen Fußball gearbeitet. Wie sieht Ihr persönlicher nächster Karriereschritt aus? Reizt Sie eher eine Rolle im Vereinsfußball oder weiterhin die Arbeit im Verband? Begüm Üresin: Beides wäre für mich eine große Ehre zu arbeiten. Es ist klar, dass beide Rollen unterschiedliche Arbeitsabläufe haben, ich habe bereits beides kennengelernt. Ich lass es auf mich zukommen und schaue, was im Endeffekt für mich passt. Soccerdonna: Was zeichnet Ihre Spielidee aus? Begüm Üresin: Mir ist wichtig, dass meine Mannschaft gut organisiert ist. Jede Spielerin muss wissen, was ihre Aufgabe ist und wo sie stehen muss. Jede Spielerin hat die maximale Verantwortung für ihre Position. Ich brauche nicht die weltbesten Spielerinnen, solange das Mannschaftsgefüge stimmt, kann man jede Mannschaft schlagen. Auch wenn man spielentscheidende Spielerinnen hat, sollte darauf nicht der Fokus liegen. Soccerdonna: Zu einem etwas persönlichen Thema. Sie arbeiten mit dem Berater Okcan Tekdemir zusammen – wie kam es dazu? Begüm Üresin: 2020 haben wir uns das erste Mal gesehen. Wir haben uns über einen längeren Zeitraum kennengelernt und schnell gemerkt, dass wir die gleiche Vision haben. Es ging nicht nur um Fußball, sondern auch um Werte und den Umgang mit Spielerinnen. Ihm hat mein Coaching gut gefallen und so kam es, dass wir nun seit sechs Jahren Weggefährte sind. Soccerdonna: Was hat die Zusammenarbeit verändert? Begüm Üresin: Er hat meinen Blick erweitert. Ich habe mich früher sehr auf die Türkei konzentriert, aber inzwischen denke ich internationaler. Soccerdonna: Welche Vision haben Sie für die Zukunft? Begüm Üresin: Ich wünsche mir, dass mehr Spielerinnen im Ausland spielen und dort Erfahrungen sammeln. Das bringt ein anderes Niveau und hilft auch der Nationalmannschaft. |
|
||||
Foren - Diskussionsforen - News-Forum - Begüm Üresin: “Für mich steht die Entwicklung der Spielerinnen über dem Ergebnis”
