20.02.2026 - 10:30 Uhr | News | Quelle: sd | von: Jascha S.
HSV-Kapitänin Pauline Machtens - Sportliche Entwicklung des HSV im Aufstiegsjahr

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©Bayer 04 Leverkusen
Nach dem Aufstieg und den ersten intensiven Monaten in der Frauen-Bundesliga zieht Pauline Machtens eine erste Bilanz über die Achterbahnfahrt beim HSV. Als junge Kapitänin spricht sie im Soccerdonna-Interview offen über die enorme sportliche Kluft zwischen der ersten und zweiten Liga sowie die Herausforderungen ihrer Führungsrolle. Wir beleuchten die Entwicklung der Mannschaft, die nach einem personellen Umbruch im Winter und dem beeindruckenden Sieg gegen Hoffenheim neues Selbstvertrauen geschöpft hat. Machtens gibt zudem exklusive Einblicke in den professionellen Trainingsalltag. Abschließend blicken wir gemeinsam auf das anstehende Nordderby gegen Werder Bremen und die besondere Bedeutung der Fans im Volksparkstadion.

"Manchmal schwierig, jede Woche das Positive daraus zu ziehen"

Soccerdonna: Die Winterpause ist vorbei und mehr als eine halbe Saison Bundesliga gespielt. Wie blickst du auf die letzten acht Monate zurück und wie die Reise vom ersten Spiel gegen Wolfsburg bis heute?

Pauline Machtens: Viele Auf und Abs. Der Start der Saison war gut. Es war überraschend für alle, dass wir direkt gepunktet haben. Dann folgten leider im Herbst einige Niederlagen, die viel gemacht haben mit uns. Es ist dann manchmal schwierig, da immer wieder das Positive jede Woche daraus zu ziehen. Aber ich glaube, am Sonntag haben wir schon ein gutes Ausrufezeichen gesetzt und uns selber und anderen bewiesen, dass wir es können. Daran müssen wir anzuknüpfen und weitermachen.

Soccerdonna: Es hatte manchmal so ein bisschen das Quäntchen Glück gefehlt. Wie sehr unterscheidet sich die erste Liga leistungstechnisch von der zweiten? Das ist für die meisten Leute und Fans überhaupt nicht greifbar. Kannst du einen Einblick geben, wie sich das so unterscheidet für euch?

Schritt zwischen zweiter und erster Liga "sehr, sehr groß"

Pauline Machtens: Der Schritt ist sehr, sehr groß. Allein von den Strukturen in jeder Mannschaft. Da hat man teilweise Vereine in der zweiten Liga, die noch nicht so professionell aufgestellt sind. Das zeigt sich auf dem Platz, auch körperlich, von der Athletik her, eigentlich in allen Belangen. Es ist ein Schritt nach vorne und es dauert einen Moment, bis man sich angepasst hat. Ich glaube aber, dass wir hier beim HSV sehr professionell arbeiten und jeden Tag besser werden. Wir sind auf einem guten Weg, uns in der ersten Liga wohlzufühlen.

Soccerdonna: Gab es einen Moment, wo du gesagt hast: „Okay, alles klar, das ist hier definitiv anders.“, wo man ein bisschen überrumpelt wird, was man unter Wettkampfbedingungen im Spielbetrieb merkt?

Pauline Machtens: Man hat im ersten Spiel gegen Wolfsburg gemerkt, dass man erst mal nur am Verteidigen ist. Das kann auch Spaß machen, aber am krassesten war es gegen Bayern. Da spielt man gegen Weltklasse-Spielerinnen, da muss man erst mal durchatmen. Aber natürlich wollen wir im nächsten Spiel mehr Gegenwehr zeigen als im Hinspiel.

Soccerdonna: Das läuft dann vielleicht anders, wenn so ein Kracher von Mia Büchele nicht an den Pfosten geht, sondern ins Tor.

Pauline Machtens: Vielleicht hätte das das Spiel noch mal zum Guten gewendet. Wir haben uns seitdem deutlich weiterentwickelt. In den ersten zehn Minuten war auch Hoffenheim am Sonntag gut drin, aber wir sind ebenfalls gut gestartet. Mit dem ersten Tor dachte ich: „Nice.“ Man hätte vielleicht nicht erwartet, dass wir in Führung gehen, und dann haben wir uns in einen Rausch gespielt. Wir haben in der ersten Halbzeit fast jeden Zweikampf gewonnen. Wir haben Hoffenheim eher den Ball überlassen, aber vom Gefühl her dachte ich: „Heute geht was.“ Ich habe nach der Halbzeit noch gedacht, vielleicht stellt Hoffenheim um, da müssen wir uns auf was gefasst machen. Aber dann haben wir schnell den Deckel draufgemacht. Das war von der ersten bis zur 90. Minute in jedem Mannschaftsbereich ein Topspiel.

Sieg gegen Hoffenheim

Soccerdonna: Lass uns gerne über Hoffenheim sprechen. Das wäre jetzt meine Anschlussfrage gewesen, ab wann du gedacht hast: „Jetzt geht hier heute richtig was, jetzt gewinnen wir das“.

Pauline Machtens: In den Spielen davor war es oft so, dass wir geführt haben und dann schnell entweder den Ausgleich bekommen haben oder Phasen hatten, in denen wir ein bisschen nachgelassen haben. Das war in dem Spiel nicht. Man hat schnell gemerkt, dass wir es gut im Griff haben. Und dann gingen die Minuten runter und spätestens beim 4:0 war dann auch klar „Das packen wir.“

Soccerdonna: Wechselt man in der Halbzeit noch mal den Gameplan oder sagt man „macht genauso weiter wie in der ersten Halbzeit?“

Pauline Machtens: Wir haben gesagt „genauso weiter“, dass wir unseren Stiefel runterspielen wollen, nur darauf gefasst sein sollen, falls Hoffenheim was umstellt. Dass wir da in den ersten Minuten gewappnet sind, dass wir uns nicht überrennen lassen.

Entwicklung des Teams

Soccerdonna: Wie siehst du denn die Entwicklung der Mannschaft bis zur Winterpause hin? Das ist eine Und jetzt mit den ganzen Neuzugängen, wo dann auch Sprachbarriere ein Thema ist. Deswegen führ uns durch die Reise der sportlichen Entwicklung.

Pauline Machtens: Wir hatten im Sommer einen großen Umbruch mit vielen neuen Spielerinnen und einem neuen Trainerteam. Im Laufe der Hinrunde hat sich das Team gefunden. Im Winter kamen weitere Neuzugänge und auch eine sprachliche Barriere dazu, da nicht alle deutsch sprechen. Aber die Winter-Neuzugänge haben nochmal die Qualität gesteigert. Dadurch, dass wir viele Verletzte in der Hinrunde hatten, waren wir sehr gebeutelt und konnten auf einigen Positionen nicht rotieren. Einige haben an ihrem Limit gespielt. Klar, es sind viele Spielerinnen im Kader, was nicht immer einfach ist. Dadurch, dass wir im Training so viele sind. Da haben wir jetzt ein bisschen die Struktur angepasst, um die Trainingsqualität hochzuhalten. Trotzdem sind wir froh, dass wir so viele im Kader sind, weil Phasen kommen können, wo wir wieder Verletzte haben und dann trifft uns das nicht mehr so hart wie in der Hinrunde.

Soccerdonna: Das geht ja auch leider schnell mit Kreuzbandverletzungen, im Frauenfußball ist das ein Thema.

Pauline Machtens: Ja, und im Winter jetzt auch die Erkältungswelle. Da hast du immer Ausfälle. Natürlich spielen nicht alle so viel, wie sie gerne möchten, aber die Saison ist lang und man braucht jede Einzelne. Momentan passt das sehr gut.

Kapitänsamt beim HSV: "Man lernt viel über sich selbst"

Soccerdonna: Jetzt mal die Mannschaft ausgeklammert und vor allem auch als Kapitänin von einer Bundesligamannschaft. Wie siehst du deine persönliche Entwicklung?

Pauline Machtens: Zu Beginn der Saison war es ein großer Schritt für mich, als junge Spielerin eine Kapitänsrolle in der ersten Liga zu übernehmen. Man lernt viel über sich selbst, wie man Konflikte löst oder als Sprachrohr für die Mannschaft fungiert. Man wächst in die Rolle rein und merkt, dass man es gut hinbekommt. Ich bin auch froh, dass viele aus der Mannschaft mich unterstützen. Zum Beispiel die Leadership Gruppe, die auch nötig ist bei so einem großen Kader, dass man alle Meinungen und Leute, die zu der Mannschaft gehören, einfangen und repräsentieren kann.

Soccerdonna: Sportlich für dich. Wie war da die Entwicklung über das erste Halbjahr? Wie hast du das für dich wahrgenommen?

Pauline Machtens: Man merkt den Unterschied der zweiten zur ersten Liga, wenn das Tempo steigt, da muss man sein Spiel erst mal anpassen. Man weiß, dass man es kann, aber bis man es abrufen kann, vergehen viele harte Trainingstage oder Spiele. Ich glaube, dass ich immer mehr die Übersicht behalten kann und im Spiel seine Spielerinnen besser im Griff hat, weil alle mehr an einem Strang ziehen. Weil auch die taktischen Anweisungen besser greifen.

Derby gegen Bremen: "Wissen, was auf dem Spiel steht"

Soccerdonna: Gegen Leverkusen, im Pokal gegen Essen konntet ihr schon gewinnen im Volkspark. Zuschauerschnitt liegt der HSV auch weit vorne. Wie fühlen sich denn Heimspiele vor der Kulisse an? Wie sehr freust du dich auf das Spiel gegen Bremen?

Pauline Machtens: Ja, natürlich. Wir haben noch was wiedergutzumachen aus dem Hinspiel. Jetzt vor eigener Kulisse haben wir in der letzten Saison gezeigt, was möglich ist gegen Bremen. Aber mit unseren Fans im Rücken hätte ich als Bremerin auch nicht so viel Bock (lacht). Da ist schon noch mal ein anderer Druck vorhanden, wenn man das ganze Stadion gegen sich hat, anstatt mit sich. Ich freue mich sehr.

Soccerdonna: Vorbereitung auf das Derby. Wir wollen mehr beleuchten, wie Professionalisierung im Frauenfußball läuft. Und viele Leute haben keinen Einblick hinter die Kulissen. Soweit du darfst und möchtest, wäre interessant: Wie sieht so eine Trainingswoche bei euch aus? Kannst du uns da so ein paar Einblicke geben?

Pauline Machtens: Einen Tag nach dem Spiel haben wir Regenerationstraining und Spielersatztraining. Die, die mehr als 45 oder 60 Minuten gespielt haben, gehen ins Gym, machen eine Krafteinheit und die anderen gehen auf dem Platz, um eine Nachbelastung zu haben. Den zweiten Tag nach dem Spiel haben wir meistens frei und die restlichen Tage haben wir jeden Tag Analyse und morgens eine Einheit Training.

Soccerdonna: Eigentlich braucht es keine Extramotivation für alle, die jetzt aus Deutschland kommen oder schon länger beim HSV sind. Aber für die, die jetzt neu dazugekommen sind, vielleicht auch aus anderen Ligen. Wie erklärt ihr in der Mannschaft, wie wichtig so ein Derby ist und diese Rivalität mit Bremen?

Pauline Machtens: Wir haben darüber gesprochen, was wir für Zuschauerzahlen hatten gegen Bremen. Alle waren sehr schockiert im positiven Sinne, weil sie so was noch nie erlebt haben. Wir haben dann gezeigt, wie das aussah auf den Rängen. Grundsätzlich kennen sie auch die Derbys, zum Beispiel aus der italienischen Liga, wissen auch, was da auf dem Spiel steht bei so einem Spiel. Das ist allen bewusst, wie wichtig das für alle ist. Wir haben das gut übertragen können und wir werden das in den nächsten zwei Tagen noch intensivieren. Und ich glaube, wir sind gut gewappnet für das Spiel.

Soccerdonna: Dann hast du jetzt noch die letzte Möglichkeit, Worte an die Fans zu richten vor dem Spiel.

Pauline Machtens: Vor so vielen Fans zu spielen, die gegen einen sind, das macht schon viel aus. Und jeder Einzelne, der in den Volkspark kommt und uns gegen Bremen supportet, macht auf jeden Fall einen Unterschied. Wir brauchen die Fans im Rücken, weil wir in dem Spiel auch wieder der Underdog sind. Aber dieses Mal wollen wir das Spiel auf unsere Seite ziehen. Und dafür brauchen wir, jeden Einzelnen oder jede einzelne, die Zeit hat zu kommen und uns zu unterstützen.

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