Jackie Groenen: „Und wenn Du nur noch addierst, dann wächst was ganz, ganz Großes!“


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Jackie Groenen: „Und wenn Du nur noch addierst, dann wächst was ganz, ganz Großes!“ |  Startbeitrag 14.06.2019 - 13:19
  Prytz2
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Concordia Hamburg

Jackie Noelle Groenen verlässt nach vier Jahren den 1. FFC in Frankfurt und wird nach der Weltmeisterschaft ab Juli das Aufsteiger-Trikot von Manchester United überstreifen. Die 24-Jährige freut sich nach Karriereende auf den „geliebten Wohnsitz in Holland.“ 2017, mit den Oranje Leeuwinnen als Europameisterin in den Frauenfußball-Olymp aufgestiegen, hat die Mittelfeld-Allrounderin mit dem 1. FFC zwar keine nationalen oder internationalen Club-Titel geholt, ist indes stolz auf ihren Job „in einer der immer noch stärksten Ligen der Welt“. Groenens Erfolg ist hart erarbeitet und das schönste Liga-Lachen Ausdruck innerer Zufriedenheit: Die willensstarke Persönlichkeit hatte als „Winzigkleine“ 2010 in Essen, nur mit einer Sporttasche unterwegs, bei Coach Markus Högner angefragt, und „durfte mitspielen in der Bundesliga“. Nach Stationen in Duisburg, dem dortigen finanziellen KO und „einer in jeder Hinsicht perfekten Organisation“ bei Chelsea, holte der damalige FFC-Coach Colin Bell die wieselflinke und stets mit größter Übersicht bestechende Niederländerin 2015 zum Club am Brentanobad. Bitter: Die Mission „Champions-League-Titelverteidigung“ scheiterte 2016. Indes: Die rasante Entwicklung im niederländischen Frauenfußball habe Fans und Spielerinnen „viel, viel Kraft gegeben!“ Und auf die Frage, wie denn der Europameistertitel in seiner Entstehung zu erklären sei, gibt es eine sehr bildlich-eingehende Antwort: „Plus und Plus und Plus... und wenn Du nur noch addierst, dann wächst was ganz, ganz Großes!“ Kurz nach Saisonende wählt Jackie Groenen einen Stadion-Tribünenplatz als Interview-Ort mit soccerdonna.de, lässt zum Abschied die Blicke an einem sehr sonnigen Spätnachmittag ab und zu über die Sportanlage am Brentanobad schweifen und unterhält sich mit Korrespondent Frederik Petersohn.


soccerdonna.de: Jackie, vier Jahre am Brentanobad neigen sich dem Ende entgegen. Ende gut? Alles gut?


Jackie Groenen: Ich habe viel beim FFC erleben dürfen und es geht mir gut.


soccerdonna.de: Ja, Sie sind Europameisterin geworden, in der Mitte dieser Zeit.


Jackie Groenen: Das ist wahr, das ist aber nicht alles. Als Colin Bell mich im Sommer 2015 aus London zum 1. FFC geholt hat, da gab es einen Herzenswunsch: „Champions-League-Titelverteidigung“. Dann die Halbfinal-Hinspiel-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg, das war sehr schmerzlich. Aber das UWCL-Halbfinale zu spielen, das war schön. Aber gleichzeitig auch ein Tiefpunkt.


soccerdonna.de: Nationale wie internationale Club-Titel haben Sie mit dem 1. FFC nicht gewonnen. Hinterlässt das eine Lücke in Ihnen?


Jackie Groenen: In der deutschen Frauen-Bundesliga zu spielen, das war mein Traum. In den Niederlanden war der Mädchenfußball noch in Anfängen. Bis zum 19. Lebensjahr hätten wir mit den Jungs spielen können. Deutschland war meine Top-Wahl. Und dann die Chance, für den 1.FFC Frankfurt aufzulaufen: Das war fantastisch. Titel haben wir keine gewonnen. Klar bin ich 2015 an den Main gekommen, um Titel zu holen. Dennoch: Lücken fühle ich keine, wenngleich wir als Team auch für Titel gekämpft haben.

soccerdonna.de: Menschen, die Ihnen sehr nahestehen, attestieren Ihnen einen Hang zur Perfektion, berichten von einer enormen Disziplin und Härte gegen sich selbst, wenn es denn sein muss.


Jackie Groenen:Gut, aber das ist doch die Voraussetzung für meine Karriere gewesen. Als ich als Winzigkleine, als 15-jährige nach Essen gefahren bin, um Fußball zu spielen, da war mir sofort eines klar: Du packst es nur über Fleiß, Willen, Auge und Kampf. Markus Högner hat tief nach unten blicken müssen, um mich überhaupt wahrzunehmen. Dass der nicht laut losgelacht hat, als ich ihn ansprach, war schon erstaunlich. Aber: Ich durfte mitspielen, in der Bundesliga. Disziplin zu zeigen, zu jeder Zeit, das war eine meiner Grundvoraussetzungen, um mich durchsetzen zu können.


soccerdonna.de: Es ist aber nicht möglich auf Befehl zu wachsen!


Jackie Groenen: Wie heißt es im Deutschen so schön… Man wächst mit seinen Aufgaben. Man weiß ja nie, was der nächste Tag bringt, aber ich wollte immer gut vorbereitet sein. Das ist Wachstum!


soccerdonna.de: Diese Tugenden haben Ihnen viele Judoka-Meistertitel erbracht, auch international. Sie haben beide Sportarten eine Zeit lang parallel betrieben. Bleibt Ihnen noch Zeit für Judo-Kämpfe?


Jackie Groenen: Zeit würde ich mir schaffen, aber Judo eignet sich nicht als Ausgleichssport (lacht). Die Verletzungsgefahr ist einfach zu groß und meine fußballerische Karriere setze ich nicht aufs Spiel mit Schulterwürfen. Ich denke aber sehr gern an die Zeit zurück und bin nach wie vor sehr interessiert, was im Judosport so passiert.


soccerdonna.de: A pros pos interessiert. Sie haben ja, obwohl als Spielerin in Deutschland tätig, `mal eben noch zur Schule gehen müssen…


Jackie Groenen: … absolut. Zur Schule bin ich in den Niederlanden gegangen und bin dann zum Training nach Essen gefahren worden, als Grenzgängerin. Bildung war und ist mir sehr wichtig. Zurzeit habe ich mein Jura-Fernstudium an der Universität in Tilburg zwar ausgesetzt, aber das wird weiterlaufen.


soccerdonna.de: Bevor Sie der Magistra-Hut drücken wird, steht die Weltmeisterschaft in Frankreich an, zudem ist der neue Verein bekanntgegeben worden. Welche Gründe haben denn den Ausschlag zugunsten von Manchester United gegeben?


Jackie Groenen: Ich bin fit, hoch motiviert und weiß genau, was mich in England erwartet.


soccerdonna.de: Wir sind gespannt!


Jackie Groenen: Genau wie in Deutschland und in Frankfurt, herrschen in Manchester perfekte Strukturen. Das tolle Jahr in Chelsea 2014/15 ist mir in bester Erinnerung. Nach dem finanziellen Aus in Duisburg wusste ich Professionalität zu schätzen. Sportlich war es seinerzeit in England schwer für mich. Das berühmte „kick and rush“, das war in England früher spielbestimmend, als ich in Chelsea war. Mittelfeldspielerinnen hatten es sehr schwer, weil wir den langen Bällen vom Boden aus einen guten Flug in die Box gewünscht haben. Das hat sich jetzt gedreht und der englische Frauenfußball hat sich sehr weiterentwickelt. Arsenal als Meister und Man City als Pokalsieger legen großen Wert auf Ballübergaben auf höchstem Niveau und in diesem Sinne kann ich Aufsteiger ManUnited sehr helfen, eine Spielkultur aufzubauen, zu pflegen und zu etablieren. Das ist mein Ansporn! Im wahrsten Wortsinn: Nochmal angreifen und Teil einer starken Truppe werden. Ich bin top fit und sehr gut ausgebildet, zudem habe ich viel Erfahrung sammeln dürfen. Zuletzt 4 Jahre in einer der immer noch stärksten Ligen der Welt, der Bundesliga. Das hat den Wunsch in mir geweckt, jetzt noch einmal etwas Neues anzustoßen.


soccerdonna.de: Eine neue Erfahrung war für Sie ohne jeden Zweifel der Gewinn des Europameisterschaftsfinals, das 4:2 gegen die Däninnen. Als Zuschauer hatten wir das Gefühl, dass mit dem ersten Sieg über Norwegen sich die Löwinnen selbst von Sieg zu Sieg getragen haben und auf einer Woge der Euphorie geschwommen sind.


Jackie Groenen: Und dieses Gefühl trügt nicht. Das war so. Als feststand, dass die Niederlande Ausrichter der Europameisterschaft 2017 sein würden, hat wirklich ein Rädchen in das andere gegriffen. Der niederländische Fußballverband hat diese EM als Chance für den Frauenfußball genutzt und den Faden aufgenommen. Seit der Saison 2015/2016 gibt es wieder eine eigene niederländische Frauen-Liga und ich kann voller Stolz sagen: Der Mädchen- und Frauenfußball ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.


soccerdonna.de: In tiefer Erinnerung ist mir geblieben, wie enthusiastisch das Königspaar mitgegangen ist. Haben denn Willem-Alexander und Maxima Ihnen gegenüber deren Wertschätzung geäußert?


Jackie Groenen: Oh ja. Wir hatten ja mehrmals die Möglichkeit die beiden Exzellenzen zu treffen und uns auszutauschen. Allerdings, und das gehört auch zur Wahrheit, war ich eine der Spielerinnen, über die noch nicht viel bekannt geworden war. Aber das hat sich ja jetzt geändert (lacht). Ich habe ja eine, was die Nationaleinsätze angeht, brüchige Karriere. Aber jetzt bin ich ein fester Bestandteil des Teams und das freut mich sehr!


soccerdonna.de: Uns hat sich der Eindruck vermittelt, dass während der Europameisterschaft Freundinnen auf dem Platz agiert haben…


Jackie Groenen: … unbedingt. Die Lehrgänge vor der EM hatten einen ganz besonderen Charakter. Wir hatten ja schon früh eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet, wir haben uns untereinander zu jeder Zeit immer bestens informiert. Das Teambuilding hat sich von selbst eingestellt. Wir hatten als Team gehofft, im Eröffnungsspiel vor vielen Zuschauerinnen und Zuschauern zu spielen, aber dann gleich vor ausverkauftem Haus bis zum Finalgewinn, das hat uns viel, viel Kraft gegeben.


soccerdonna.de: Wenn Sie den Turnier-Erfolg in eine Formel kleiden müssten, welche würden Sie wählen?


Jackie Groenen: „Plus und Plus und Plus... und wenn Du nur noch addierst, dann wächst was ganz, ganz Großes! Erfolg liegt aber nicht allein in eigener Hand. Aber selbst ist man aufgefordert, die Grundlagen zu bilden. Wir erleben jetzt in den Niederlanden einen regelrechten Boom. Die Ligaspiele sind bestens besucht, wir kämpfen um jeden Zuschauer und wollen immer beste Leistungen anbieten. Das wird in den Niederlanden honoriert. Wir sind eine kleine Nation und der gesellschaftliche Zusammenhalt wird bei uns sehr groß geschrieben, trotz der politischen Debatten, die wir führen.


soccerdonna.de: In Deutschland sind die Zuschauerzahlen niedrig. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?


Jackie Groenen: Obwohl ich jetzt vier Jahre in Deutschland gelebt habe, erschließen sich mir die Gründe nicht vollends. Es beginnt damit, dass viel zu wenige Mädchen anfangen Fußball zu spielen. Ich habe selbst hier in Frankfurt Kurse der FFC-Mädchenfußballschule betreut. Und wenn ich sehe, wie viel Spaß die Mädels haben und wie die sich reinhauen, dann frage ich mich, warum vergleichsweise noch zu wenige Mädchen in Vereinen Fußball spielen. Ist es mangelnde Anerkennung? – ich weiß es nicht genau. Hinsichtlich dessen muss es einen noch stärkeren gesellschaftlichen Wandel geben. Ohne diesen sitzen wir hier in zehn Jahren noch und wundern uns.


soccerdonna.de: Wo werden wir Sie in zehn Jahren denn treffen?


Jackie Groenen: Ich freue mich, nach meinem Karriereende, auf meinen geliebten Wohnsitz in Holland. Immer, wenn wir international tätigen niederländischen Spielerinnen, uns schreiben oder telefonieren, wird das Leben in Holland thematisiert. Immer mehr Spielerinnen kommen nach Hause oder planen, nach Hause zu kommen.


soccerdonna.de: Der niederländische Verband hat während Ihres diesjährigen Winter-Trainingscamps in Südafrika Besuche von Spielerinnen in Schulen organisiert. Gehen Sie international mit gutem Beispiel voran?


Jackie Groenen: Das ist uns sehr wichtig. Wir sind als Europameister Botschafterinnen des Frauenfußballs, gerade in einem Land, das große Probleme, aber so viel zu bieten hat. Wir haben Schulen besucht, kleine Workshops mit den Schülerinnen abgehalten und hoffen, dass die Nation zusammenhält und sich der Mädchenfußball etabliert. Aber zum Durchbruch fehlt in Südafrika noch eine Frauenfußball-Liga. Die Mädchen bewegen sich gern und haben Spaß am Ball.


soccerdonna.de: Bewegung und Spaß pflegen. Welche Erfolgstipps halten Sie zudem für junge Spielerinnen parat?


Jackie Groenen: Ich hoffe, dass junge Spielerinnen lernen, für sich einen Karriereplan zu entwickeln und sich danach ausrichten. Entscheidend ist es, mobil zu sein und Herausforderungen anzunehmen. Ein Wechsel über die Landesgrenzen hinaus ist förderlich und ist die Basis für einen internationalen Erfolg.


soccerdonna.de: Jackie, im Namen der soccerdonna.de-Redaktion danke ich Ihnen sehr für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen und Ihrem Team eine tolle Weltmeisterschaft und Ihnen persönlich alles Beste bei Ihrem neuen Verein.


Jackie Groenen: Ich danke Ihnen und wünsche soccerdonna.de, dass Ihr so weiter macht! Alles Gute! Wir sehen uns!

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