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03.12.2010 - 14:17 Uhr | News | Quelle: Soccerdonna | von: Christoph Mulitze
„Ich möchte nicht noch mal 20 sein“

Soccerdonna.de: Hallo Frau Grings, zunächst kurz zur WM-Auslosung. Sind Sie mit den Gegnern zufrieden?
Inka Grings: Ja. Aber leicht wird es mit Sicherheit nicht. Die Französinnen haben einen großen spielerischen Sprung gemacht, ich schätze sie längst nicht mehr schwächer ein als England oder Norwegen. Kanada ist eine körperlich sehr präsente Mannschaft. Nigeria ist Afrikameister. Es gibt keinen Grund, nur einen unserer Gegner zu unterschätzen.
Soccerdonna.de: Was sagt Ihnen die Fläche 17,86 qm?
Inka Grings: Hm, ich denke es ist das Tor gemeint, was uns Stürmer sehr oft freuen lässt, aber manchmal mal auch zur Verzweifelung bringt...
Soccerdonna.de: Richtig. Es ist die Größe des Tores – genauer gesagt: der Bereich, in den der Ball rein muss zwischen den beiden Pfosten, der Latte und dem Boden. Mit Toren kennen Sie sich ja bestens aus. Wissen Sie aus dem Kopf, wie oft Sie in der Bundesliga ins Tor getroffen haben?
Inka Grings: Etwas mehr als 320 Tore müssten es gewesen sein, meine ich.
Soccerdonna.de: Stimmt, es sollen rund 330 sein. Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Bundesligator?
Inka Grings: Ehrlich gesagt nein.
Soccerdonna.de: Aber es gibt sicherlich ein besonderes Tor, das Sie, über die aktive Zeit als Spielerin hinaus, nicht vergessen werden.
Inka Grings: Oh, da gibt es sogar einige. Aber ein peinliches Tor hab ich, das wollte ich so gar nicht erzielen. Es war ein stürmischer Tag, und ich hatte meine Haare nicht im Griff. Ich stand im Fünfmeterraum, als eine Flanke geschlagen wurde. Das Haar hing mir wild vor den Augen, ich konnte nichts sehen. Genau in dem Moment, als ich mir die Haare aus dem Gesicht strich, knallte mir der Ball an den Kopf und trudelte über die Linie. Das sah wohl sehr komisch aus, und ich musste mir von den Mitspielerinnen noch einige Zeit lang Kommentare anhören.
Soccerdonna.de: Kann man das Toreschießen am Fließband durch viel Training erlernen, oder braucht man einen angeborenen Instinkt?
Inka Grings: Sowohl als auch. Man kann viele Situationen übers Training quasi automatisieren, aber "lernen" kann man es nicht. Einen gewissen Torinstinkt bekommt man wohl in die Wiege gelegt.
Soccerdonna.de: Wann haben Sie, wann haben Ihre Trainer gemerkt, dass Sie den besonderen Torriecher haben, der vielen anderen Spielerinnen fehlt?
Inka Grings: Ich denke, das war schon früh so, als ich noch mit den Jungs kickte. Denn ich hab von Anfang an vorne gespielt.
Soccerdonna.de: Hand aufs Herz: Wenn man so viele Tore schießt wie Sie, setzt doch irgendwann eine Gewöhnung ein. Können Sie sich heute noch so sehr über ein Tor freuen wie vor zehn oder 15 Jahren?
Inka Grings: Ich behaupte schon, denn wäre es nicht der Fall, würde das wohl heißen, dass ich nicht mehr so viel Spaß am Fußball hätte. Dann würde ich aufhören.
Soccerdonna.de: Wenn man sich die Torquoten im Frauenfußball ansieht, so sind die gigantisch: Nicht wenige Spielerinnen haben mehr Tore als Spiele auf ihrem Konto. Im Männerfußball gibt es das so oft nicht. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Inka Grings: Keine genaue... Wir besitzen halt mehr Qualität... (lacht) Nein, mal im Ernst. Ich denke das liegt unter anderem daran, dass das Gefälle in der Liga, leider, noch oftmals zu groß ist, und somit die Ergebnisse deutlicher als bei den Männern ausfallen.
Soccerdonna.de: Setzen Sie sich selbst Ziele wie zum Beispiel: In dieser Saison möchte ich gerne soundso viele Tore schießen?
Inka Grings: Nein. Dass ich Tore schießen will, ist klar. Aber meine Ziele beziehe ich ausschließlich auf die Mannschaft. Als Team müssen wir erfolgreich sein.
Soccerdonna.de: Haben Sie irgendeine Torwette laufen?
Inka Grings: Nein, leider nicht. Es traut sich wohl niemand...
Soccerdonna.de: Sie sind die derzeit vielleicht prominenteste Fußballspielerin Deutschlands. Wie oft werden Sie auf der Straße erkannt?
Inka Grings: Es ist alles noch entspannt. Aber ich merke, dass das Interesse stetig wächst und somit auch mein Bekanntheitsgrad.
Soccerdonna.de: Ist es Ihnen manchmal unangenehm, angesprochen zu werden?
Inka Grings: Nein, überhaupt nicht. Das kommt ja nicht im Minutentakt vor, außerdem sind die Menschen, die mich ansprechen, sehr freundlich. Sie loben mich und äußern sich begeistert über die schöne Spielweise der Mannschaft. Das ist doch eine tolle Bestätigung für das, was wir leisten.
Soccerdonna.de: Merken Sie an ihrem „Prominentenstatus“, dass Frauenfußball in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wird als vor fünf oder zehn Jahren?
Inka Grings: Auf jeden Fall. Das zeigt sich ja auch an den steigenden Zuschauerzahlen, am Medieninteresse und an den Anmeldezahlen der Vereine; immer mehr Mädchen wollen Fußball spielen.
Soccerdonna.de: Sie sind wiederholt in diesem Jahr als „Fußballerin des Jahres“ ausgezeichnet worden. Ist das eine besondere Ehre?
Inka Grings: Ja, Fußball ist ein Mannschaftssport, da ist es besonders schwer, individuell aufzufallen. Wenn das trotzdem gelingt, zeigt es, dass man vieles richtig und gut gemacht hat. Vor allem dann, wenn man wiederholt ausgezeichnet wird. Darüber habe ich mich ganz besonders gefreut. Auf diesem Weg möchte ich mich noch einmal für die Wahl bedanken.
Soccerdonna.de: Lira Bajramaj und Birgit Prinz wurden für die Wahl zur Weltfußballerin 2010 nominiert. Sie allerdings nicht. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Inka Grings: Nein, ich habe dafür keine Erklärung.
Soccerdonna.de: Sind Sie darüber enttäuscht, nicht berücksichtigt worden zu sein?
Inka Grings: Ja, ein wenig enttäuscht schon. Aber glauben Sie mir: Es gibt Schlimmeres auf der Welt...
Soccerdonna.de: Das glaube ich gerne. Aber steigert eine solche Auszeichnung nicht auch den Marktwert einer Spielerin?
Inka Grings: Natürlich steigert es den Marktwert. Das ist die größte Einzelauszeichnung eines Mannschaftsspielers, mehr geht nicht. Deshalb ist das ein sekundärer Gedanke bei jedem. Alles andere wäre gelogen!
Soccerdonna.de: Sie haben zahlreiche Titel gewonnen – welcher war der schönste?
Inka Grings: Für mich persönlich, dass ich 1999/2000 den scheinbar unerreichbaren Torjägerrekord von Heidi Mohr, damals 36 Tore in einer Saison (1990/1991, Anm. d. Red.), mit 38 Toren übertroffen habe.
Soccerdonna.de: Vor allem in der Nationalmannschaft hätten Sie deutlich mehr Titel und Tore sammeln können, wenn Sie sich nicht mit der Bundestrainerin überworfen hätten. Jahrelang herrschte Funkstille zwischen Ihnen und Silvia Neid. War es ein Fehler, damals nicht früher das Gespräch gesucht zu haben?
Inka Grings: Ja, ich habe das sehr bereut. Denn mein Ziel war und ist es immer noch, in der Nationalmannschaft zu spielen, so lange meine Leistung stimmt. Es gibt einfach nichts Größeres.
Soccerdonna.de: Sie sind in Duisburg Mannschaftskapitän und ein Vorbild für die jungen Spielerinnen. Ist diese Vorbildfunktion für Sie eher eine Last oder eine Lust?
Inka Grings: Beides (lacht). Nein, Spaß beiseite, ich nehme meine Rolle und somit meine Vorbildfunktion sehr ernst, denn die jungen Mädels brauchen Führung - und das nicht nur auf dem Platz. Ich möchte Ihnen ein paar Dinge auch fürs Leben vermitteln. Das ist mir sehr wichtig.
Soccerdonna.de: Was sind das für Dinge?
Inka Grings: Ach, das sind viele Dinge. Angefangen beim Druck, der natürlich gerade in Duisburg auch herrscht, da wir nun einmal Leistungssport betreiben. Den versuche ich, den jungen Spielerinnen richtig zu vermitteln, so dass sie ihn einordnen können. Das ist nicht einfach, und es ist sehr wichtig, dass die Mädels Mitspielerinnen haben, die diese Erfahrungen früher auch gemacht haben und dementsprechend wissen, wovon sie reden. So etwas ist dann immer authentischer und glaubwürdiger.
Soccerdonna.de: Sie spielen seit 15 Jahren in Duisburg – eine so lange Bindung ist auch im Frauenfußball eine Seltenheit. Hat es nie Versuche der Konkurrenz gegeben, Sie abzuwerben?
Inka Grings: Natürlich gab es immer wieder mal ein Gespräch.
Soccerdonna.de: Warum blieben diese Versuche letztlich erfolglos?
Inka Grings: Ich fühle mich in Duisburg sehr wohl. Wir hatten immer eine tolle Mannschaft mit Ambitionen und guten Perspektiven, auch in diesem Jahr. Die Personalpolitik beim FCR stellt mich zufrieden.
Soccerdonna.de: Was verbinden Sie, als gebürtige Düsseldorferin, mit Duisburg?
Inka Grings: Neben meinem Verein vor allem den Fußballverband Niederrhein, der in Duisburg sitzt. Denn dort habe ich während meiner Ausbildung tolle Menschen kennen gelernt.
Soccerdonna.de: Durch die WM im nächsten Jahr befinden wir uns bereits mitten in der Bundesliga-Rückrunde. Wird der FCR den Kampf um die Meisterschaft auch deshalb verlieren, weil er viele Langzeitverletzte hatte und noch hat? Mit Annike Krahn und Mirte Roelvink fällt zum Beispiel die Innenverteidigung noch bis Jahresende aus.
Inka Grings: Vor allem Annike fehlt uns sicherlich, aber ich kann mit vollem Stolz sagen, dass wir trotz schwerer Rückschläge immer noch in allen drei Wettbewerben im Rennen sind. Noch ist alles möglich. Das spricht für unsere Qualität, weil Spielerinnen auf einmal ganz andere Positionen bekleiden müssen und trotzdem hervorragende Leistungen abrufen.
Soccerdonna.de: Auch Sie fehlten im letzten Spiel gegen Bayern München verletzungsbedingt. Wie geht es Ihnen?
Inka Grings: Mir und meiner Leiste geht’s wieder gut. Ich stehe dem FCR wieder zur Verfügung.
Soccerdonna.de: Nun fällt das Spitzenspiel in Frankfurt am Wochenende aus. Ein Nachholtermin steht noch nicht fest, aber im Falle einer Niederlage würde der Abstand des FCR auf den Tabellenführer auf sieben Punkte anwachsen. Wird das Spiel in Frankfurt deshalb schon eine Vorentscheidung im Titelrennen bringen?
Inka Grings: Ich finde schon. Würde Frankfurt gewinnen, glaube ich nicht, dass Sie noch einmal stolpern werden. Frankfurt ist die einzige Mannschaft, die sich kontinuierlich gesteigert hat. Potsdam und wir im Gegensatz dazu nicht! Aber ich weiß, was wir können, und deshalb werden wir alles daran setzen, nicht zu verlieren. Sondern wir wollen gewinnen!
Soccerdonna.de: Was möchten Sie mit dem FCR in dieser Saison erreichen?
Inka Grings: Die Meisterschaft haben wir noch nicht abgehakt. Außerdem wollen wir mindestens in ein Finale kommen und wieder einen Titel nach Duisburg holen.
Soccerdonna.de: Wagen Sie mal eine Prognose: Welche junge Duisburgerin wird die nächste Nationalspielerin?
Inka Grings: Unsere Verteidigerin Luisa Wensing.
Soccerdonna.de: Fällt es Ihnen eigentlich schwer, sich nach so vielen Jahren auf höchstem Niveau immer wieder neu zu motivieren?
Inka Grings: Nein. Denn es macht mir immer noch Spaß, und eine bessere Motivation als Spaß gibt es nicht.
Soccerdonna.de: Wie hat sich in Ihrer langen aktiven Zeit der Frauenfußball verändert?
Inka Grings: Er hat sich komplett verändert, in allen Bereichen! Das Spiel ist schneller, athletischer und somit spannender geworden. Die Professionalität ist größer geworden und nimmt weiter zu, was den Sport für die Jugendspielerinnen – auch finanziell - reizvoller macht. Vor allem uns Nationalspielerinnen wird mehr geboten, und das spornt die jüngeren Spielerinnen an, es auch mal soweit schaffen zu wollen.
Soccerdonna.de: Bedauern Sie es, nicht zehn Jahre jünger zu sein und noch länger von der Entwicklung profitieren zu können?
Inka Grings: Ich bin so froh, das alles noch als aktive Spielerin miterleben zu dürfen. Und ich werde es hoffentlich auch weiterhin in vollen Zügen genießen. Aber noch einmal 20 Jahre sein? Nö!
Soccerdonna.de: Was möchten Sie nach der Fußballkarriere machen, haben Sie schon Pläne?
Inka Grings: Ja, ich werde als Personal-Trainerin arbeiten. Darauf freue ich mich schon sehr.
Soccerdonna.de: Das klingt schon sehr konkret. Sie sind 32 Jahre alt. Wie lang läuft Ihr Vertrag in Duisburg noch? Können Sie sich einen Ausklang Ihrer Karriere im Ausland vorstellen?
Inka Grings: Mein Vertrag läuft noch bis 2012. Danach kann ich mir fast alles vorstellen.
Soccerdonna.de: Birgit Prinz und Ariane Hingst haben schon angekündigt, dass sie nach der WM ihre Karriere in der Nationalmannschaft beenden werden. Wäre ein WM-Titel vor 50.000 Zuschauern im Finale in Frankfurt nicht auch für Sie ein passender Abschied?
Inka Grings: Wenn es soweit ist, gebe ich darauf eine Antwort. (Pause. Lacht.) Aber auch nur dann, wenn es wirklich 50.000 sein werden...
Soccerdonna.de: Frau Grings, herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg und alles Gute.
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